12 Monate 12 Bücher
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12 Monate – 12 Bücher

Mein Schweinehund soll mehr lesen. Das hier ist sein Playground.

Jänner, Februar und März. Gelesen aber der Schweinehund ist beim Schreiben noch mieser als beim Lesen. Hab Geduld mit ihm.

April

Buchcover Toine Heijmans Irrfahrt

TOINE HEIJMANS – IRRFAHRT

Mein Schweinehund mag Bücher über’s Meer und Filme über’s Weltall. Vor dieser Tatsache kann er die Augen nicht mehr verschließen. Woran das liegen mag? Ich tippe auf die Klarheit und Abgegrenzheit der beiden (Un)Lebensräume. Sie üben auch eine schaurige Anziehung aus, weil Fehler (sic! Mehrzahl) gibt’s da und dort keine. Egal. Jetzt geht es um eine Irrfahrt, sagt der Titel. Konkret macht der geübte Hobbyskipper eine Reise um etwas erzählen zu können. Einmal Atlantik und retour. Auf der letzten Etappe (von Dänemark nach Holland) nimmt er seine kleine Tochter mit. Als krönenden Abschluss. Aber dann… natürlich… dann wird alles anders.

Irrfahrt ist eine kurzweilige Erzählung, die Dichte und Fahrt aufnimmt und so zum unwiderstehlichen Pageturner wird. Der Schweinehund war beinah sehkrank. Auf die gute Art.

Buchcover Katja Oskamp - Marzahn Mon Amour

Katja OSKAMP – MARZAHN MON AMOUR

Ein Buch von Katja Oskamp, die mit der Schreiberei auf keinen grünen Zweig kam und in der verbleibenen Lebenshälfte doch noch etwas Sinnvolles anstellen will. Sie pflegt die Füße von Menschen. Und schreibt darüber. Damit schließt sich der Kreis in Form einer Liebeserklärung. An Marzahn und vor allem die Menschen in Marzahn. Eine Liebeserklärung ganz ohne Kitsch mit viel Herz. Klug. Aber was red ich? Frau Oskamp bringt es selbst treffend auf den Punkt:

Ich bin hier zu Hause, in Berlin, und auf meiner schwimmenden Insel in Marzahn. Meine Liebe ist flüssig geworden und passt in die unwahrscheinlichsten Zwischenräume. Das Bitter, das ich vor mir hertrug, ist verschwunden und mit ihm der letzte Rest jugendlicher Arroganz.

Mai

Buchcover Haruki Murakami - Hard boiled Wonderland und das Ende der Welt

Haruki Murakami – Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

Zuerst war ich verloren. Was sollten die zwei Titel „Hard-Boiled Wonderland“ und „Das Ende der Welt“ bedeuten? Dann waren da zwei Geschichten, die völlig kontextfrei nebeinander stehen. Kapitelweise wechselseitig. Ich mochte beide Erzählstränge. Jeder auf seine Weise in Murakami-Manier erzählt: magisch, nahbar, plakativ und auf seine Weise verpeilt. Weil japanische Literatur schert sich nicht immer um Plausibilität.

Ich werde nichts zum Inhalt preisgeben, weil ich glaube, dass dieses Buch das Potential hat, in unterschiedlichen Köpfen sehr unterschiedlich in Resonanz gehen kann. Andere Saiten zum Schwingen bringt. Darauf soll sich jeder individuell und unvoreingenommen einlassen können.

Weil wie gesagt, erst war ich verloren, dann hat mich das Buch neugierig gemacht. Und Fahrt aufgenommen. Dann mitgerissen. Und mir schlussendlich einen Eindruck für sehr, sehr lange geschenkt. Fette Empfehlung.

Juli

Claudia Ott – Die Weisheit von 1001 Nacht

Moby Dick? Laaaaangweilig! Don Quixote? Nicht zum Lesen! Das Kapitel „Klassiker der Litarturgeschichte und ich“ hab ich erfolglos abgeschlossen. Beim Buchhändler meines Vertrauens legt sich mir „Die Weisheit von 1001 Nacht“ in den Weg. Hübsches Graublau, handlich schmal, gefälliges Cover.

Wieder so ein Klassiker. Ali Baba, Seam öffne dich und so. Warum denn eigentlich nicht? Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte. Wie aber diese 1001 zwischen die beiden zierlichen Buchdeckel passen sollen? Eigentlich nicht, aber mir soll es recht sein, also kommt es mit und enpuppt sich als der ausgewählte Zyklus „Der Träger unddie drei Damen“. Neuübersetzt 2012. Also: Scharasad und Dinarasad (Schwestern) erwarten ihren unwillentlichen Tod durch die Hand des Königs. Sharasad erzählt einen Cliffhanger nach dem anderen und hält so den König davon ab, ihr den Garaus zu machen. Schlau und unterhaltsam: sie erzählt eine Tour de Force in dem Tod, Prinzen, Adler, Hunger, Völlerei, Sand, Meer, Lüge, Liebe und Schicksal miteinander ringen. Ich würd ja gern mehr offenlegen, aber was soll ich sagen:

Sprecht nicht über etwas, das euch nichts angeht, sonst hört ihr etwas, das euch nicht gefällt

1001 Nacht, Der Träger und die Drei Damen

Doch, doch, ich scherze. Der Zyklus gefällt. Gute Geschichte(n), gut erzählt. Vielleicht lese ich auch noch die restlichen 1000.

Christoph Biermann – Die Tabelle lügt immer

Ein Titel wie eine Verheißung! Mein Herzensklub ist aus tabellarischer Sicht ins Niemandsland gerutscht und macht es sich dort gemütlich. Wenn Biermann recht hat, können wir zumindest nix dafür und die Schmach verliert Bitterkeit. Wenn.

Erst mal langsam. Der Titel ist reißerisch gewählt und -Spoileralarm- so auch nicht haltbar und wird dem Niveau des Inhalts keineswegs gerecht. Aber: Biermann hat mit dem Werk eine Rutsche gelegt, um Fußball als das zu begreifen, was er darin sieht: als ein probabilistisches Spiel.

Am Ende einer einzelnen Saison sind wir also 19 Spielzeiten von einer Tabelle entfernt, die nicht mehr lügt

Christoph Biermann, die Tabell lügt immer

In vielen kleinen Schritten wird die Wirksamkeit des Zufalls erklärt, beleuchtet, anekdotisch hinterlegt. Daten vs Zufall. Daten weil Zufall. Daten Hand in Hand mit Zufall. Handwerklich sauber gearbeitet, unterhaltsam. Nach 300 Seiten kann ich dem datengetriebenen, zufallsbehaftetem Zugang sehr viel abgewinnen. Ich versteh ja nicht viel von Fußball, Taktik, Stategie, Spielidee und xG (jetzt schon). Ich erlebe Fußball mit Bauch und Herz. Kann eine analytische Brille der Emotion den Schneid abkaufen? Mitnichten. Das Buch hat meine Sichtweise erweitert.

Empfehlung? Ja, ein gefälliger Pageturner mit analytischem Tiefgang.

Und was ist jetzt mit der mediokren Performance der Hütteldorfer? Leicht erklärt: Rapid ist Rekordmeister und was ich in den letzten Jahren beobachten musste ist nichts anderes als die unvermeidbare Regression zur Mitte. Sigh.

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