#twoff

Ach Twitter, was ist nur aus dir geworden? Vor Jahren streunte ich gerne durch deine Hallen, hab dein großartiges Angebot genossen, gelesen, gelernt und gestaunt. Diese Zeiten sind für mich vorüber. Du bist verkommen zu einem Jahrmarkt der Eitelkeiten, auf dem nichts mehr verhandelt wird. Recht zu haben ist ein hohes Gut geworden, leise Töne verstummen ungehört. Du hast deine weiche, offene Seite eingebüßt, harte Kanten und Konfrontationen gehören zu deinem Alltag. Aus dem spannenden Murmeln der tausend Gedanken ist ein hysterisches Gebrüll über Wortfetzen geworden. Deine kreative Zeit ist vorüber.

Viele Kontakte sind mir über den Weg gelaufen, die mir wertvollen hab ich als Freunde ins richtige Leben geholt, all den anderen danke ich und lass sie weiterziehen. Gehab dich wohl, du zu sogenanntes Soziales Netzwerk, ich wünsch dir und deinen Aktionären vieles, nicht unbedingt das Beste. Auf gut Wienerisch: hupf in Gatsch.

Halt

Die Zellen werden weniger, Holger gelingt es nicht so richtig, seine Freude darüber auszudrücken, aber sie verschwinden nicht. Er hat noch vier Wochen Chemo vor sich.

Gerade als er eine Mietwohnung bezieht um seinem Leben etwas Stabilität zu geben, trifft den Augustinverkäufer die Diagnose Krebs. Während er über seine Situation erzählt, wirkt sein Blick unstet. Seinen Körper wiegt er von einem Fuß auf den anderen. Fehlende Zähne fallen mir auf, eingefallene Schläfen am haarlosen Haupt. Ein Balanceakt. Während er erzählt, fällt mir ein Mann mit brauner Kutte auf, der sich uns nähert. Ob er tatsächlich ein Mönch ist, weiß ich nicht. Das ist für sie, mit ausgetrecktem Arm steckt er Holger eine Packung Mannerschnitten zu. Hochroter Kopf, verlegen. Er verschwindet hastig.

Die Wohnung kann er sich irgendwie leisten, sie sei nicht groß, ein Zimmer. Aber es reiche um den Besuch seiner Tochter zu ermöglichen. Der will er die Diagnose nicht zumuten. Finanziell hält er sich mit dem Verkauf der Obdachlosenzeitung über Wasser, dann und wann Gelegenheitsjobs. Das hat dem AMS schon gereicht um mir für sechs Wochen den Geldhahn zuzuderehen. Weil ich nicht permanent erreichbar bin. Vier mal pro Monat jeweils eine Stunde. Aber beim AMS ist er ohnehin nicht immer gemeldet: Manchmal schieben sie mich zur PVA ab. Die will mich auch nicht haben. Dann schieben sie mich wieder zurück.

Wie es Holger gelingt, nicht den Mut zu verlieren, weiß ich nicht. Er fragt mich, ob bei mir eh alles gut sei. Ein wenig schäme ich mich beim Gedanken, über die Hitze oder den fehlenden Urlaub oder den nervigen Chef zu klagen. So murmle ich ein jaja, passt alles, was mein Unbehagen nicht lindert. Käsesemmel mag er diesmal keine, er habe kaum Appetit und esse nur, wenn er sich dazu zwingt. Auch das Aufstehen falle ihm an manchen Tagen schwer. Auch dann zwingt er sich, um unter Leute zu kommen. Wenn er die Zeitung verkauft, gäbe ihm das Sinn und Halt.

Für mehr Augustin.

Grüner See mit allen

Die Suche nach dem Glück scheint der Heilige Gral meiner Generation zu sein. In den 90ern war „Sorge dich nicht, lebe!“ ein stellvertretender Bestseller. Es ist doch so einfach, suggerieren grenzdebil grinsende Autoren vom Buchdeckel herab. Mach es wie ich und werde glücklich ist die Botschaft, jeder kann Glück. Sogar du, Wurm.

Heute halten zu Promis hochgejauchzte Menschen als Glücksvorbilder her. Vor einiger Zeit postete ein Schauspieler ein Foto vom Grünen See bei Tragöß. Irgendwas mit Super oder huidiwui! stand anbei. Im Prinzip eh ok, weil jeder posten soll wie er lustig ist. Schwierig, wenn sich daraus persönliche Ableitungen entwickeln. Wenn sich der Glaube daran, dass sich Glück ins eigene Leben übertragen lässt, verselbständigt. Dann setzen sich viele Menschen in Bewegung um diese Hoffnungen mit Leben zu füllen. Eine Karawane der Glücksritter trifft seither an jedem freien oder sonnigen Tag in Tragöß ein. Der beschauliche Ort wird immer wieder Zeuge eines hysterischen Schauspiels: schon am späten Vormittag schlängelt sich eine Blechlawine in das Tal und staut sich vor der Parkplatzeinfahrt. Erste Zweifel am Glück werden gemurrt bei der Erkenntnis, dass die Gemeinde damit einen schönen Reibach macht und ein paar Euros Wegzoll abnimmt. Aber was tut man nicht alles für eine göttliche Erfahrung: Grüner(!) See, Ashton Kutcher, ein Hauch von Welt in der grünen (natürlich!) Steiermark. Hollywood is very good.

Die Schlange schält sich aus ihrer Blechhaut und schiebt sich durch den Wald, es staubt. Kinder werden geschoben, getragen, gezogen, weine es, was es wolle. Wir sind schon fast da Kind, du wirst es verstehen, wenn du es siehst. Die aufgeregte Erwartung lässt die Luft vibrieren, Verlegenheitswitze kursieren. Haha.

Da! Ein Glitzern zwischen den Bäumen! Der See, er funkelt wie ein unsäglich wertvolles Kleinod, zerbrechlich, traumhaft, wir sind am Ziel! Der See, er ist wirklich … grün… und… Wasser. Ja, ein, also wirklich. Toll! Handys raus, Foto, jetzt. Kurt, stell dich hin.. nein, ach was, erst ein Selfie, Facebook muss das sehen! Schnell markieren, ich am Grünen See, vielleicht auch noch .. hat der Kutcher eigentlich auch Facebook?

Der erste Schock ist überwunden, die Schlange drängt sich um den See. Immer noch sehr, dings. Das Gefühl der Überwältigung, es kommt bestimmt gleich. Gleich hinter der nächsten Biegung sieht der See bestimmt noch viel surrealer aus. Dieses Grün! Noch ein Foto für Instagram, natürlich #nofilter. Ja ist das denn zu glauben, meine Follower?! Ich bin hier!

Auch hinter der nächsten Biegung keine Überwältigung. Die Menschen sind immer noch sie selber, keine Wandlung, kein Geisteblitz, vielleicht ein Hauch von Glück. Vielleicht. Wären da nur nicht so viele Menschen, es wär ja total dings. Naja. Sorgfältig wird jeder Pfad abgegangen, auf der Suche nach dem perfekten Platzerl. Selfie um Selfie wird jeder Winkel des Areals kartografiert. Lauter Einmaligkeiten, sagenhaft.

Die Schlange bekommt Hunger und muss lulu. Dann also ins Wirtshaus, alles sehenswerte ist fotografiert, Filter und Uploads folgen dann auf der Heimfahrt. Es war ja auch wirklich schön. Total. Irgendwie. Zumindest waren die Pommes billig.

 

 

Hochschwab. Kein Witz.

Des kommt alles in den Blog!, wird zum geflügelten Scherz für kleine Widrigkeiten unserer Reise. Ich wusste nicht, dass meine schriftlichen Erinnerungen als Pranger wahrgenommen werden. Aber gut, ich nehme das zur Kenntnis und gelobe Besserung. Dass der Abstieg durch ein Flussbett alles andere als angenehm wahr, möchte ich dennoch festhalten. Doch zurück an den Anfang.

Begonnen hat der Tag um 0500 Uhr, 13 Stunden Rundwanderweg liegen vor uns. Die Beine bemerkenswert frisch, der Ruhetag hat sich gelohnt um dem großen, heimlichen Ziel des Wanderurlaubes näher zu kommen: Gipfelkreuz am Hochschwab. Zur Erinnerung, der Annaberg war bisher das Maß aller Dinge. Christian und Georg haben auch diesmal die Planung übernommen. Am Anfang a Schnoppa, dann flach dahin bis zum Gipfel, zeigen sie mir das Tagesprofil. Ich wollte es glauben. Noch schnell die Wasserflasche in den Rucksack gepackt, halbvoll, am Weg gibt es sicher genügend Bächlein. Ich unsagbarer Depp ich.

Die ersten 500 Höhenmeter tun weh, weil ohne Aufwärmen. Ich hänge mich hinten an die Gruppe, Kopf runter, Hirn aus, genießen, aufsaugen, du wirst noch lang dran denken, geht mir durch den Sinn. Beim ersten Schnaufen kurzes Innehalten, Blick nach unten. Ein schwarzer Pudel im Augenwinkel. Weiter. Nur Minuten später mache ich Platz, damit er mich überholen kann. Beide im Laufschritt. Wie der Herr, so es G’scher. Vermutlich als Pre-Frühstücksaufwärmübung vor dem Aflenz-Megathlon.

Nach einer Stunden sind wir oben, erste Pause, Christian sucht einen Cache, ich Erholung. Von nun an geht es tatsächlich für ein paar Kilometer auf Bergrücken entlang, gemächlich bergauf. Den ersten überquerten Schnee finden wir noch lustig. Gämsen und Steinböcke sagen sich hier oben Gute Nacht und lassen sich aus sicherer Distanz beobachten. Sicher für sie. Ich trinke nur noch wenig, Wasser wird knapp. Keine Bäche auf Bergrücken. Überraschung!

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Jede Wanderung ist ein Stück Weg zu sich selbst, oder so. Das klingt viel pathetischer als es zumeist ist. Wenn die Umstände passen, stimmt es aber. So lasse ich mich zurückfallen und bleib mit mir allein, in Wolken wandernd, singend, sinnierend. Ich bastle an Stefan Schwab – Hochschwab-Wortwitzen, vergeblich. An einer Kante genießen wir den Ausblick. Kein Zivilisationslärm. Gleich nachdem ich das gebrabbelt hab, ist es auch wahr: Stille, Windgeräusch, Weite. Wie so eine Waage, die von Zeit zu Zeit geeicht werden muss, erlebe ich den Moment. Wo ist Wasser?

Wir müssen ein massives Schneefeld queren. Gibt’s da eigentlich Lawinen?, will Christian wissen. I glaub ned, mehr Zuversicht gelingt mir nicht. Der Schnee ist matschig, die Schuhe nass, bald auch die Socken. Erste Zweifel ob der Machbarkeit formieren sich aus fehlender Courage. Die sprechen wir uns gegenseitig zu, der Zeitplan steht noch. Das Gipfelkreuz auch, aber halt nicht in Sichtweite. Gegenseitige Aufmunterungen. Wir müssen da rauf. Sind wir erst mal beim Schiestlhaus, schaut die Sache schon anders aus. Es befindet sich ca eine halbe Stunde unterhalb des Gipfels. Bitterer Geschmack im Mund, Wasser aus.

Ich kann keine Schneefelder mehr sehen, ich will keine Schneefelder mehr sehen, ich hab Höhenangst und keinen Bock so knapp vor dem Ziel aufzugeben. Dann endlich das Schiestlhaus. Geschlossen. Also die letzten Höhenmeter ohne Erfrischung. Ich habe Durst. Ich will nicht mehr, die Schritte werden kleiner, der Weg verkommt zum Geröllfeld, ich zieh mir die Serpentinen selbst. Charakterbildung.

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Oben. Endlich. Bezwungen. Mich, den Berg. Gemeinsam. Christian sucht einen Cache. Alles rundherum ist unter mir, ich such einen Stein, der mit runter muss. Als würde ich mich nicht auch so erinnern können.

Beim Abstieg fülle ich meine Flasche an einem Bächlein auf, der bittere Geschmack löst sich auf, herrlich! Der Weg hinunter ist mäßig lustig. So viel Schnee und Geröll. Die Voisthaler Hütte erreichen wir erschöpft am Nachmittag. Christian sucht einen Cache. Der restliche Weg zurück zum Auto ist geprägt von einem Gefühl der Erleichterung, sich ausbreitendem Sonnenbrand und Tratschereien über zwiderne Twitteranten.

Die absoliverte Runde ist bestens geeignet ist für eine zwei-Tages-Tour. Sagt der Reiseführer. Wir drei haben das vor der Tour gelesen, überlesen und es erst nach dem kräfteraubenden Tschoch realisiert. Geblieben ist eine tiefe Erinnerung an eine wunderbare Runde mit zwei wunderbaren Freunden. Gemeinsames Schweigen ist eine Kunst, die nicht jedem gelingt. Boys, you are great! Das kommt erst recht in den Blog.

 

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Ruhetag

Tag zwei empfängt mich mit einem veritablen Laktatüberhang und Sonnenschein. Für Tag drei ist mittlerweile die Königsetappe geplant, rauf auf den Hochschwab himself. Keiner von uns wollte wieder heimfahren und gestehen müssen, nicht oben gewesen zu sein. Die beiden Planer sagen eine Wegzeit von ungefähr zwölf Stunden voraus, quasi Leistungslimit.

Deshalb und weil wir noch die blaue Route offen haben, fällt die Wahl für heute auf die Bürgeralm, den Aflenzer Hausberg. Babysch, dachten wir, weil blau.

 

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Auf dem Weg hinauf treffen wir auf einen alten Mann, der mit der Sense zu Gange ist. Ob wir aus dem Heim wären, will er wissen. Um zu verstehen, was er damit meint, muss man sich ein wenig im Aflenzer Kaffeehaus umsehen: Dort zwinkern sich überbeleibte Menschen in geduckter Haltung zu, wie es Undercoveragenten im Kalten Krieg am Checkpoint Charly taten. Nur geht es diesmal um verdeckte Kalorienaufnahme. Aflenz ist ein Kurort, Spezialfach aus-den-Fugen-geratener-Metabolismus.

Der Weg aufwärts ist eigentlich recht gemächlich. Ich hab mich dran gewöhnt, dass Wanderwege die direkte Verbindung zweier Punkte sind, die nur widerwillig Serpentinen ausbilden. Nur und ausschließlich dann, wenn sich ihm ein massiver Fels in den Weg legt.

So lassen wir die Mautstraße unter uns und steigen auf. Am Plateau angekommen macht sich Enttäuschung breit. Das Skigebiet liegt noch im Dornröschenschlaf und macht keine Anstalten für ein paar Wanderer und traumhaftes Wetter diesen zu unterbrechen. Jause vertagt.

 

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So widmen wir uns den Highlights: ein sogenannter Skywalk, Aussicht auf viel Gegend und eine Paragleiterstartrampe. Auf den Gipfel verzichten wir, der Weg über eine Skipiste ist nicht sooooo prickelnd. Abgesehen davon wollten wir den Oberschenkeln etwas Ruhe vor dem morgigen Sturm gönnen. Also abwärts.

Den hiesigen Koch im hiesigen Hotel haben wir gerade verpasst. Aber die Kellnerin hat sowas im Urin, das sie vermuten lässt, dass das Gasthaus am Ende der Ortschaft noch offen haben könnte. Wir müssten nur über die Kreuzung drübaschiaßn. Ich geb’s zu, das Raubein hat Eindruck bei mir hinterlassen. Nicht nur, weil sie Recht hatte mit ihrer Vermutung.

 

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Christian ist Groundhopper. Kein Spiel im Umkreis von drei Autostunden entgeht ihm. Also auf nach Frohnleiten zur Abendgestaltung. Der hiesige S.C. empfängt Leoben. Es geht dabei sportlich um nichts mehr, der Abstieg ist besiegelt. Näixte Saison kemma zu den Geigna zFuaß gei, weiß ein Schlachtenbummler nicht, ob er sich darüber freuen oder ärgern soll. Für uns geht es um einen wunderprächtigen Abend bei einem sehr unterhaltsamen Sommerkick. Netter Platz und sportlicher Ehrgeiz auf den Rängen, dem wir uns mit Schnitzelsemmeln, Bier und billigen Witzen fügen. Besser geht’s nicht.

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Fölzstein

Das sind die letzten Regentropfen bis zum Ende des Urlaubes, prognostiziert Christian grinsend und dirigiert die Limousine in den Fließverkehr. Wir stauen aus Wien raus, Urlaub am Hochschwab ist der Plan. Genauer gesagt Wanderurlaub. Kurz vor der Ankunft besorge ich noch das Abendessen der Herrenrunde: Spaghetti mit Fertigsugo. Klischee kann ich.

Wir beziehen das Apartment, die Dame des Hauses berät uns in aller Gastfreundschaft über eine mögliche Wandertour:  Ihr könnt auf die Fölzalm. Eine der beiden Hütten wird bewirtschaftet. Und dann, sie mustert uns, wie gut seid’s denn beinand? Auch wir mustern uns. Unsicher rücken wir raus mit der Sprache: So 30 Kilometer am Tag schaffen wir schon. Eine peinliche Pause entsteht. Ich frage mich, ob wir uns disqualifiziert haben. „Aber im Flachen, oder? Na egal, wenn ihr es schafft, könnt ihr danach noch auf den Fölzstein rauf. Wir würden dort Gämsen und Steilwände sehen, also inneralpines Feeling.

Nun trifft auch Georg ein und macht die Seilschaft komplett. Pläne zur ersten Wanderung schmieden Georg und Christian, ich genieße meine verantwortungslose Rolle dabei. Zur Auswahl stehen eine blaue und eine rote Route. Entscheidende Argumente lassen sich nicht auftreiben, also überlassen wir einer höheren Macht die Auswahl: dem Wetter. Gute Nacht.

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Am Morgen kein Regen, also die rote Route. Wir sind als Gruppe die Niederösterreichischen Voralpen gewohnt, Gipfelkreuze kennen wir sehr genau. Aus der Fernsehsendung Land der Berge. Wir durchsteigen die Klamm, alles recht pomale. Das Tal öffnet sich und gibt den Blick auf einen massiven Felsen frei. Miassma do auffe?, fragt jemand. Na, bestimmt ned!, die Antwort. Vor meinem geistigen Auge lege ich die Marschroute über meinen Ausblick, interpoliere, plausibilisiere und komme zur Erkenntnis: Naajooooo. Des könnt schon sein, dass des der Fölzstein is. Oba mir müssen ja ned unbedingt rauf. Außerdem eh nur a Schnoppa. Niemand lacht.

Der Wanderweg beginnt sich seiner alpinen Umgebung zu besinnen, er wird steiler und felsiger. Wir machen einem entgegen kommenden Quad Platz. Der Fahrer quält sich im Schritttempo nach unten, sein ausgleichender Oberkörper versucht den Schwerpunkt unter den Rädern zu behalten. Am Vortag ist das dem Almwirt der zweiten, heute geschlossenen, Hütte nicht gelungen. Frage nicht.

Wir pausieren, ziehen eine Schicht Regenjacke auf, der Wind is a Hund. Gleichzeitig erreichen uns zwei Pärchen, isses noch weit rauf? Die Antwort geht akustisch im Scheppern der Bronchien seiner Freundin unter. Ungläubige Blicke huschen durch die Gruppe. Das Mädel stapft vorüber i huast eh nur, wenn i steh. Die Gruppe lässt uns konsterniert zurück, der Freund des Mädels murmelt beim Vorbeigehen wenigstens is leicht zum Owetrogn.

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Auf dem Weg hinauf überholen wir die Gruppe nochmal. Fetzenweise hören wir ein Streitgespräch mit, irgendwas mit nur dir zuliebe! Ich kann mir eine zynische Wortmeldung nicht verkneifen. Plötzlich bin ich das Arschloch.

Endlich auf der Alm mit Hütte. Zwei Steirer bitten uns an ihren Tisch. Dass ich ein Shirt mit der Aufschrift Make Rapid great again trage, gefällt dem Sturmanhänger gegenüber nur bedingt. Ich nehme es gleich vorweg: wir sind keine Freunde geworden. Und das obwohl ich ihm einen Punkt von Herzen vergönnt hätte, wenn sie sich halt einmal bemühen. Wir bleiben uneinsichtig.

Nach flüssiger Stärkung also rauf auf den Fölzstein.  Dou gehst oafoch duach die Latschn durch, geben uns die Grazer mit auf den Weg. Und Hinweise für das Geröll. Was wir erst nach dem Rückkunft erfahren werden: die beiden lustigen waren selber noch nie oben.

Es war schwierig, sehr schwierig. Stürmisch, steil und in der Hütte gäb es Schweinsbraten. Es war ein intensiver Aufstieg, totes Tierfell und Hinweise auf verunfallte Wanderer einerseits, Ausblick und Grenzverschiebung andererseits. Stellenweise mussten wir auf allen Vieren schwierige Passagen überwinden, der Gedanke an den Abstieg macht mich bang. Aber jetzt aufgeben? So knapp vor oben? No way.

Zwar sagt der Plan, dass es noch 200 m Luftlinie sind, aber ich sehe nur Berg vor und über mir. Wie soll sich das ausgehen? Plötzlich oben, der Gipfel ist kein Gipfel sondern eine flache, bemooste Mondlandschaft. Das Gipfelkreuz! Mein erstes. Als ich wieder ruhig atmen kann, macht sich Ruhe breit, Friede, Erleichterung. Glückshormone gone wild.

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Der Abstieg gestaltet sich dann doch einfacher als befürchtet. Beseelt, hungrig und müde wieder zur Grasserhütte. Wo wir von den Grazern als die Weana Baaadse empfangen werden. Auch den dritten Hinweis darauf, dass eigentlich nur einer von uns dreien aus Wien kommt, will er nicht verstehen. Gut, er glaubt ja auch heute noch, dass Karl Merkatz ein Deutscher ist.

Gestärkt geht es nun zum Ausgangspunkt der Wanderung zurück, die im Kurpark bei Kaffee, Eis, Krokant, Schoko, Florentiner, Nussknacker, Chips und Bier einen würdigen Abschluss findet. Am nächsten Tag wird uns die Hausherrin danach fragen, ob wir tatsächlich auf dem Fölzstein waren und mit einem wortlosen Nicken ihre Anerkennung ausdrücken. Hochschwab, be afraid!

 

Der Schnoppa

Schnoppa, der. Beschreibt eine Erhebung oft unbekannten Grades, die sich dem Wanderer entgegen stellt. Erstmals erwähnt wurde er während einer mehrtägigen Pilgerreise von Wien nach Mariazell. Urkundlich erstmals erwähnt: jetzt.

Der Schnoppa führt ein schizophrenes Dasein. Einerseits ist er Ziel des Wanderers, gleichzeitig sein natürlicher Feind. Abgeleitet vom Hochdeutschen „Schnapper“ zeigt sich der Schnoppa in den verschiedensten Ausprägungen. Vom kleinen Felsen bis hin zum ausgewachsenen Berg.

Verwendung findet die Bezeichung in verschiedenen Formen. Schon in der Tourenplanung taucht er auf: mit einer wegwischenden Handbewegung wird er klein geredet: ah, des is a klana Schnoppa, den hauma glei. Während der Wanderung lügt sich die Seilschaft auch gerne gegenseitig damit in die Tasche, hauma glei, des wird nur a klana Schnoppa. Obwohl jeder weiß, dass er nicht klein ist und schon gar kein Schnoppa sondern der Grund, für Schmerzen, Tränen und Bänderentzündungen ist. Diese Wahrheit spricht man aber auf keinen Fall an. Niemals nicht. Wandererehrenkodex.

In Ausnahmefällen, nämlich wenn die Relation von zu erwartendem Kraftaufwand zu den zur Verfügung stehenden körperlichen Kräften  exorbitant lächerlich erscheint, und die Lage quasi aussichtslos ist, schiebt man der Erwähnung des Schnoppas noch gerne ein hysterisches Kichern hinten nach.

Aber sei es drum: kein Preis ohne Schweiß, keine Wanderung ohne Schnoppa. Oben angekommen, war er -im Nachhinein gesehen- gar nicht so schlimm: Wandererehrenwort.

Jetzt

Manchmal treffe ich ihn im Bus. Wenn ich es ganz früh aus den Federn schaffe, noch vor der Sonne. Dann seh ich ihn schon aus der Entfernung an der Gehsteigkante warten. Tirolerhut, graue Jacke, jägergrüne Hose, Aktentasche, Schnauzbart, Wohlstandsbauch. Pensionistencamouflage. Sein Gang ist unauffällig an die Umwelt angepasst, ruhig, geduckt, manchmal am Stock. Reden will er in der Früh nicht so gerne. Er ist gesellig, darauf vergisst er gern, während er auf die Pension wartet.

In die Arbeit fährt er so früh, weil er früh wieder heim mag. In sein Reihenhaus, zu seiner Katze. Und zu seiner Frau. Urlaube mache er nicht mehr. Wohin solle er denn? In der Pension dann wieder. Bis dahin bleibt sein Golf Country garagengepflegt. Wenn ich ihm am Weg nach Hause begegne, ist er gesprächiger, weil endlich die Arbeit erledigt ist. Wie es geht? Gut. Der Pension einen Tag näher. Vor hat er am Nachmittag nichts mehr. Was soll man schon groß machen? Außerdem müsse er morgen ja früh raus. Die Arbeit.

Dass er phasenweise am Stock geht, hat einen Grund, weiß er jetzt. Ein Gehirntumor ist dafür verantwortlich. Inoperabel. Wenn unbehandelt noch ein Jahr, behandelt wird sich die Pensionierung gerade nicht mehr ausgehen. Wenn das Schicksal die Ironiekarte spielt, ist es eine richtige Sau.

Was auch immer im großen Buch steht, ich weiß es nicht. Ich werde es rausfinden. Bis dahin dreh ich an der einen oder anderen Stellschraube und erinnere mich immer wieder dran: Leben passiert jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, …

Alte Bäume

Neger? I sog des seit 60 Joa. Des deaf ma jetzt jo a nimma. I man des jo ned bös! Beim letzten Satz scheint seine Stimme etwas dünner. Obwohl ich mit dem langjährigen Mitglied der Rapidfamilie immer noch per Sie bin, gleitet das Telefonat in diese persönliche Richtung. Warum soll i des ned dürfen?, fragt er sich und mich. Sie dürfn eh alles. Dabei aber auch nicht vergessen, dass Sie ka Insel san, entgegne ich. Nach einer Pause wechselt das Gespräch weiter in Richtung Abstiegskampf.

Im Rahmen einer Recherche sprechen wir über Spiele, die lange vor meiner Geburt stattfanden. Über alte Zeiten, glorreiche Zeiten. Er bringt viele Erinnerungen an eine andere Zeit mit. Einen alten Baum verpflanzt man nicht, kommt mir in den Sinn. Er selbst denkt auch so über sich, zumindest sagt er es. In seinem Alter zahle sich dieses oder jenes gar nicht mehr aus. Das sollen die jungen machen, er nicht mehr.

Dann lässt er mitten ins Thema eine Pause entstehen und nimmt den Gedanken wieder auf: und was, wenn ich den Okungbowa beim nächsten Treffen einfach frag, ob ihn das beleidigt? Wahrscheinlich legt er mir eine auf, der is jo stärker als i, legt er kichernd nach. Das weiß ich nicht, aber schön, dass Sie drüber nachdenken.