Grüner See mit allen

Die Suche nach dem Glück scheint der Heilige Gral meiner Generation zu sein. In den 90ern war „Sorge dich nicht, lebe!“ ein stellvertretender Bestseller. Es ist doch so einfach, suggerieren grenzdebil grinsende Autoren vom Buchdeckel herab. Mach es wie ich und werde glücklich ist die Botschaft, jeder kann Glück. Sogar du, Wurm.

Heute halten zu Promis hochgejauchzte Menschen als Glücksvorbilder her. Vor einiger Zeit postete ein Schauspieler ein Foto vom Grünen See bei Tragöß. Irgendwas mit Super oder huidiwui! stand anbei. Im Prinzip eh ok, weil jeder posten soll wie er lustig ist. Schwierig, wenn sich daraus persönliche Ableitungen entwickeln. Wenn sich der Glaube daran, dass sich Glück ins eigene Leben übertragen lässt, verselbständigt. Dann setzen sich viele Menschen in Bewegung um diese Hoffnungen mit Leben zu füllen. Eine Karawane der Glücksritter trifft seither an jedem freien oder sonnigen Tag in Tragöß ein. Der beschauliche Ort wird immer wieder Zeuge eines hysterischen Schauspiels: schon am späten Vormittag schlängelt sich eine Blechlawine in das Tal und staut sich vor der Parkplatzeinfahrt. Erste Zweifel am Glück werden gemurrt bei der Erkenntnis, dass die Gemeinde damit einen schönen Reibach macht und ein paar Euros Wegzoll abnimmt. Aber was tut man nicht alles für eine göttliche Erfahrung: Grüner(!) See, Ashton Kutcher, ein Hauch von Welt in der grünen (natürlich!) Steiermark. Hollywood is very good.

Die Schlange schält sich aus ihrer Blechhaut und schiebt sich durch den Wald, es staubt. Kinder werden geschoben, getragen, gezogen, weine es, was es wolle. Wir sind schon fast da Kind, du wirst es verstehen, wenn du es siehst. Die aufgeregte Erwartung lässt die Luft vibrieren, Verlegenheitswitze kursieren. Haha.

Da! Ein Glitzern zwischen den Bäumen! Der See, er funkelt wie ein unsäglich wertvolles Kleinod, zerbrechlich, traumhaft, wir sind am Ziel! Der See, er ist wirklich … grün… und… Wasser. Ja, ein, also wirklich. Toll! Handys raus, Foto, jetzt. Kurt, stell dich hin.. nein, ach was, erst ein Selfie, Facebook muss das sehen! Schnell markieren, ich am Grünen See, vielleicht auch noch .. hat der Kutcher eigentlich auch Facebook?

Der erste Schock ist überwunden, die Schlange drängt sich um den See. Immer noch sehr, dings. Das Gefühl der Überwältigung, es kommt bestimmt gleich. Gleich hinter der nächsten Biegung sieht der See bestimmt noch viel surrealer aus. Dieses Grün! Noch ein Foto für Instagram, natürlich #nofilter. Ja ist das denn zu glauben, meine Follower?! Ich bin hier!

Auch hinter der nächsten Biegung keine Überwältigung. Die Menschen sind immer noch sie selber, keine Wandlung, kein Geisteblitz, vielleicht ein Hauch von Glück. Vielleicht. Wären da nur nicht so viele Menschen, es wär ja total dings. Naja. Sorgfältig wird jeder Pfad abgegangen, auf der Suche nach dem perfekten Platzerl. Selfie um Selfie wird jeder Winkel des Areals kartografiert. Lauter Einmaligkeiten, sagenhaft.

Die Schlange bekommt Hunger und muss lulu. Dann also ins Wirtshaus, alles sehenswerte ist fotografiert, Filter und Uploads folgen dann auf der Heimfahrt. Es war ja auch wirklich schön. Total. Irgendwie. Zumindest waren die Pommes billig.

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