Halt

Die Zellen werden weniger, Holger gelingt es nicht so richtig, seine Freude darüber auszudrücken, aber sie verschwinden nicht. Er hat noch vier Wochen Chemo vor sich.

Gerade als er eine Mietwohnung bezieht um seinem Leben etwas Stabilität zu geben, trifft den Augustinverkäufer die Diagnose Krebs. Während er über seine Situation erzählt, wirkt sein Blick unstet. Seinen Körper wiegt er von einem Fuß auf den anderen. Fehlende Zähne fallen mir auf, eingefallene Schläfen am haarlosen Haupt. Ein Balanceakt. Während er erzählt, fällt mir ein Mann mit brauner Kutte auf, der sich uns nähert. Ob er tatsächlich ein Mönch ist, weiß ich nicht. Das ist für sie, mit ausgetrecktem Arm steckt er Holger eine Packung Mannerschnitten zu. Hochroter Kopf, verlegen. Er verschwindet hastig.

Die Wohnung kann er sich irgendwie leisten, sie sei nicht groß, ein Zimmer. Aber es reiche um den Besuch seiner Tochter zu ermöglichen. Der will er die Diagnose nicht zumuten. Finanziell hält er sich mit dem Verkauf der Obdachlosenzeitung über Wasser, dann und wann Gelegenheitsjobs. Das hat dem AMS schon gereicht um mir für sechs Wochen den Geldhahn zuzuderehen. Weil ich nicht permanent erreichbar bin. Vier mal pro Monat jeweils eine Stunde. Aber beim AMS ist er ohnehin nicht immer gemeldet: Manchmal schieben sie mich zur PVA ab. Die will mich auch nicht haben. Dann schieben sie mich wieder zurück.

Wie es Holger gelingt, nicht den Mut zu verlieren, weiß ich nicht. Er fragt mich, ob bei mir eh alles gut sei. Ein wenig schäme ich mich beim Gedanken, über die Hitze oder den fehlenden Urlaub oder den nervigen Chef zu klagen. So murmle ich ein jaja, passt alles, was mein Unbehagen nicht lindert. Käsesemmel mag er diesmal keine, er habe kaum Appetit und esse nur, wenn er sich dazu zwingt. Auch das Aufstehen falle ihm an manchen Tagen schwer. Auch dann zwingt er sich, um unter Leute zu kommen. Wenn er die Zeitung verkauft, gäbe ihm das Sinn und Halt.

Für mehr Augustin.

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