Mariazell, die Premiere 2015

Ein paar Tage wandern, mit mir allein sein und eine offene Rechnung begleichen. Den Wunsch danach hab ich seit längerem. Da Aufschieben auch mal ins Aug gehen kann, ist der Plan jetzt fällig: Adelheid, das Fadl schreit!

Meine Erfahrung in Tourenplanung tendiert gegen Null. Es sei denn, der Weg zur Arbeit zählt. Die bei viasacra.at machen das gewerblich und sehr gut. Kurz nach der Anfrage trudelt das Angebot ein. Ich verlass mich einfach mal drauf, dass die wissen, was an Tagesleistung machbar ist. Im Angebot finden sich konkrete Übernachtungsmöglichkeiten. Ein Tag nach der Buchung treffen die Unterlagen ein: wasserfeste Karten, Gutschein für die Unterkünfte und ein wenig Werbung. Sehr guter Service.

Jetzt seh ich mir die Karten und Pläne ein wenig näher an. Die ersten Fragen und Zweifel tauchen auf. Im Übrigen gehe ich nicht den ViaSacra sonden den Wiener Wallfahrerweg (Perchtoldsdorf, Furth/Triesting, Kieneck, Rohr i Geb., St. Aegyd, Mariazell).

Langsam erahne ich, was mir bevor steht

Die Routenbeschreibung (Tag 1, Tag 2, Tag 3 und Tag 4) von Blogger Felix sind bei der Vorbereitung sehr hilfreich, danke dafür! Schön langsam krieg ich ein Bild zusammen, was mich erwartet.           chapter

Die Vorbereitung 

Die Vorbereitung

Die Vorfreude wächst täglich. Sogar der erste vage Blick auf das Wetter deutet Gutes an. Wär doch fein, wenn mich die Sonne ab und zu begleiten würde.

Gesamt erwarten mich 120 Kilometer, zwei Gipfel auf 1100 Meter und ein paar Hügel. Reflexartig hab ich mich mit Zeugs eingedeckt, das mir die Sohlen heil(en) lässt. Die Frage des Schuhwerks ist noch nicht abschließend geklärt: entweder schwere Bergschuhe oder leichte Wanderschuhe. Beides eher nicht, weil schleppen muss ich das ja auch. Erste Listen für Verpflegung, Kleidung und Hygieneartikel sind geschrieben, der Plan nimmt Gestalt an.

Als Vorbereitung bin ich diese Woche viel zu Fuß gegangen um auch rauszufinden, welche Kilometerleistung ich mir abverlangen kann. Ergebnis: 09:30 (Minuten(!)) auf den Kilometer. Zumindest als Richtwert reicht das, weil das keine Leistung ist, die über 100 km zu halten ist. Dennoch: 1 Stunde für 5 km, damit lässt sich rechnen. 30 km pro Tag meint mindestens 6 Stunden Marsch. Hinzu kommen Pausen und Steigungen. Also 9 ca Stunden unterwegs. Der Tag wird damit um 6 Uhr beginnen, 7 Uhr Frühstück, 8 Uhr auf die Piste, 4 Stunden Vormittag, 4 Stunden nachmittags, das klingt hart aber möglich. Ich werde es herausfinden.

Tag 1, von Sittendorf nach Furth

08:15 Uhr und Sonnenschein in Sittendorf. Meine Frau schmeisst mich aus dem Auto, ich steh mit den neuen Stöcken ein wenig verloren herum. Die Beschilderung des Weitwanderwegs 06 hab ich bald gefunden: ich geh dann mal.

Erste Pause um 09:15 Uhr in Heiligenkreuz. Aus jetziger Sicht erscheint mir das auch lächerlich. Ich war jung und hatte das Geld für Milchkaffee. Dann ein Schupfer nach Mayerling.

Jetzt die erste nennenswerte Steigung von Maria Raisenmarkt (11:00 Uhr) auf den Peilstein. Nach dem ersten Anstieg die letzten Reste einer… naja Burg oder so (es lässt sich nicht mehr erkennen). Diese Überreste sind den Aufstieg eher nicht wert. Weiter geht’s aber eh zum Peilsteinhaus. Ankuft: 12:15. Dann Mittagessen. Die Knödeltrilogie teilt sich ihr Schicksal mit den Mauerresten: zweng dem hätt i ned her müssen.

Das aufpolierte Ego neben dem durchgeschwitzten Shirt zum Lüften in raushängen lassen, Bierli zwitschern und von einer Wiener Wandergruppe ignoriert werden, mehr darf sich ein Großstädter im Vorgebirge nicht erwarten.

Der Abstieg nach Neuhaus ist unspektakulär einfach über Wald und Wiese, der Ausblick herrlich. Ausgeschildert ist der Weg übrigens hervorragend. Nicht ein mal hab ich mich verlaufen. Wiener, du bist ned für den Wald gebaut, lass dir helfen, flüstern mir die Markierungen im 50m-Intervall zu.

In den Weissenbacher Adeg eingefallen und mit dem Notwendigesten versorgt: Flüssigkeit und Hirschtalg. Das Zeug muss auch dorthin, wo die Sonne niemals hinscheint. Echt jetzt.

Im Gasthaus zur Bruthenne gewundert, dass nix weh tut und bereut, dass ich in der Früh abgekürzt hab, die Etappe hätte gerne länger sein können. In der Gaststube bin ich allein. Heast, der Wanderer will essen!, schallt es von der Schank in den Garten. Ich bestelle ein Pfaffenbäuchlein und erkundige mich smalltalksuchend, ob sich denn schon mal jemand über den politisch vollkommen untragbaren Namen des Gerichts beschwert habe. Ernte blankes Unverständnis für die Frage. Ich glaub, die twittern hier nicht.

Ich freu mich auf morgen!

Tag 2, von Furth nach Rohr

Was der Österreichrundfahrt die Glockneretappe ist, das ist dem Wiener Wallfahrer das Kieneck. Ach was sag ich: der Vergleich mit dem L’Alpe d’Huez drängt sich auf. Nicht umsonst flößt mir Tag 2 meiner Weitwanderung nach Mariazell größten Respekt ein: Königsetappe halt. Dass ich mich mit dieser Einschätzung aber gründlich geirrt haben sollte, erfahre ich im Laufe des Tages.

Journal Tag 2
Journal Tag 2

Frisch fröhlich mach ich mich um 07:30 Uhr nach Furth/Triesting auf den Weg. Sonnig empfängt mich die flache Route zum Fuß des Kienecks. Kurz zuvor überhol ich die Wiener Wandergruppe, die zum letzten mal ihre Flaschen füllen. Ich frag mich noch, ob ich das auch tun sollte, als der steil nach oben zeigende Weg meine Gedanken zerstreut. Der Aufstieg braucht den Vergleich mit dem L’Alpe d’Huez nicht zu scheuen. Mehr noch: der französische Berg vergönnt seinen Herausforderern 21 Kehren, das Kieneck dem Wander genau 0, in Worten: Null.

Noch sind die Beine frisch, ich frohgemut und so stapfe ich mich unrhythmisch nach oben. Dort angedampft verflüchtigen sich die Anstrengungen in der Weite des Ausblicks. Ich bin oben! Jetzt essen. Specklinsen treibt hauptsächlich der Hunger rein. Am Nebentisch macht sich ein junger Mann bereit zum Weitermarsch. In einem kurzen Tratsch wird das selbe Ziel festgestellt. Um meinen Drive für den Rest des Tages aufrecht zu erhalten frage ich ihn nach dem nächsten Wegpunkt, dem Unterberg. Des is ned weit, a Stund floch dahin. Ha! Der Kaffee dort wird mir schmecken! Als wir uns dort wieder begegnen werden, wird er mir schon auf Sicht zurufen: Entschuldigung, ich hab mich geirrt! 

Journal Tag 2

Und wie er sich geirrt hat. Als sich auf dem Weg rüber(sic!) ein Hügel vor mir aufstellt, glaube ich noch an einen Irrtum. Als ich das Schild „Unterberg 1 3/4 h“ sehe erkenne ich den meinigen (Irrtum). Flüssigkeit geht schön langsam aus, die Kraft und Motivation auch. Der Weg bleibt unbarmherzig und ansteigend.

Von weitem erkenne ich einen Güterweg, der sich recht steil ausnimmt. Na, dort geht’s nicht rauf. bestimmt nicht. weil ab jetzt kann’s nur noch runter gehen. Hat der Wanderer doch gesagt! Ja klar, aber der Wanderer hatte sich geirrt. Und so stehen sich mein Ego, das Ende meiner Kräfte,  Wut ohne Projektionsfläche und der Mangel an Alternativen plötzlich mitten im Wald in den Niederösterreichischen Voralpen gegenüber. Ich will nicht weiter darauf eingehen, wie sich die Situation aufgelöst hat, aber es war ein Segen, dass ich alleine war. Was am Unterberg passiert, bleibt am Unterberg.

Schließlich erreiche ich die Hütte. Statt Kaffee und Kuchen verordne ich mir Isostar und Powerbar. Der Abstieg nach Rohr/Gebirge ist unspektakulär und einfach. Asphalt und geradeaus kann ich. Die Aussicht auf eine Dusche verleiht die nötige Ausdauer. Dass ein Teil des Marsches über den Sagenumwobenen Tümpflweg führt, lockt mein Humorzentrum.           

Tag 3, von Rohr aufs Gscheid

Auch der dritte Tag empfängt uns frisch und sonnig. Uns? Jakob und mich, der Weggefährte vom Vortag. Einer von uns beiden macht die Tour bereits zum siebten mal und hat noch frische Beine. Ich bin das nicht, erster Verschleiß ist nicht mehr zu leugnen. Deshalb bin ich äußerst gewissenhaft beim Schmieren: Diana für die Beine und Hirschtalg für diverse Reibungspunkte und natürlich die Füße.

Tag 3

Ziel der Etappe wird das Gscheid sein. Jakob hat seine Unterkunft noch in Bodennähe, nämlich in St. Aegyd. Er beneidet mich um den letzten Anstieg. Vekehrte Welt. Ich überlege, ob ich ihm einen Zimmertausch anbieten soll. Andererseits, wenn das Gscheid erklommen ist, geht es tatsächlich nur noch bergab bis zur Ankunft in Mariazell. Jakob meint, dass dieses letzte Stück bergauf nicht so heftig sei. Aber seit dem Unterberg weiß ich, wie optimistisch selektiv seine Wahrnehmung funktioniert. Jakob ist eine Frohnatur, seine Gesellschaft eine Bereicherung.

Über den Weg von Rohr im Gebirge gibt es nicht viel zu erzählen. Der Wirt hat uns auf den Weg ins Outback von Österreich geschickt. Nicht ohne eine Portion Zynismus schickt er hinterher, wir befänden uns hier in der Mitte von Nichts. Der Fremdenkverkehrsanzeiger am Hauptplatz tut sich ebenso schwer Superlative über die Gemeinde zu kreiren, so wundert es nicht, dass man von sehr viel Holz und ruhiger Gastlichkeit spricht. Dass der Tümpflweg nicht hervorgehoben wurde überrascht dann doch.

Ohne nennenswerte Steigung plaudern wir uns über (die) Kalte Kuchl nach St. Aegyd, dort Pause beim hiesigen Supermarkt. Wir gesellen uns zu einer Eingeborenen und stallieren bei Wurstemmel und Cola Passanten aus. Wir erfahren von der anstehenden Hochzeit, mein Einwurf, dass dies ein besonderer Tag für die Braut sei, tut die Eingeborene ab: ist jo ned ihr erste. Nachsatz: seine a ned.
Ein Polizeiwagen fährt vor. Ein uniformierter und eine Zivilistin verlassen das Auto in Richtung Eingang des Supermarktes. Was wohl die Rolle der Zivilistin sei, frage ich. Prompte Antwort: des is sei Oide, de gengan einkaufen.

Genug geplaudert, Jakob kann seine Unterkunft umbuchen, damit haben wir wieder ein gemeinsames Ziel, das Gscheid. Naja, was soll ich sagen, der dreißigminütige Aufstieg räumt meine letzten Reserven leer und bringt mich wieder an meine Grenzen. Jakob geht schon mal vor und schaut ob’s noch weit ist. Großes Understatement seinerseits, mein Kompliment

Tod aber glücklich falle ich ins Bett. Jetzt tut es richtig weh.

Ich freu mich auf morgen und meine Familie.           

Tag 4, vom Gscheid nach Mariazell

Auf zum letzten Gefecht. Einmal noch packen, einmal noch schmieren. Die Vorfreude ist groß! Wir werden Mariazell am frühen Nachmittag erreichen, Pause werden wir keine mehr brauchen, es geht fast nur bergab. Ursprünglich hatte ich die Einkehr bei der Wuchtelwirtin fix eingeplant, allerdings erreichen wir sie schon um 11. Für Gabelfrühstück reicht der Hunger nicht. Das farblose Grau des Himmels spiegelt sich im Hubertussee wider.

Der letzte Tag war geprägt vom Gedankenaustausch mit Jakob. Auch beim ersten Hatsch nach Mariazell, vor 20 Jahren, waren es die gefunden Freunde, die mir in Erinnung blieben. Und ein Stromschlag, aber das ist eine andere Geschichte.

Kurz vor dem Ziel schlägt Jakob eine Abkehr von der offiziellen Route vor, wir umwandern die Bürgeralpe und erreichen Mariazell über einen steilen Abstieg direkt in die Stadt. Der erste Blick auf die Basilika  und die schmerzenden Knie sind vergessen. Kurzfristig, den weiteren Abstieg nehmen sie mir übel.

Die Basilika durchwandere ich mit einem schwer zu beschreibenden Gefühl. Ich hab’s versucht, es gelingt mir nicht. Es war die Reise wert, kommt ihm am nächsten.

Die Sonne zeigt sich. Zwischen unausgelasteten Souvenierständen stoßen wir auf das gemeinsam erreichte Ziel an. Minuten später laufen mir Mausezahn und Göttergattin in die Arme. Besser geht’s nicht.