Von Maria Neustift nach Ybbsitz

Wir haben Jon verloren. Nicht erst am Start der zweiten Etappe sondern schon Wochen vor dem Prolog. Er war nicht mehr erreichbar. Alle Kanäle zu ihm, waren versiegt. Dass er sich uns gegenüber lange Zeit als Jon Doe ausgab, machte die Suche nach ihm nicht nur schwieriger, sie blieb erfolglos. So machten wir uns ohne ihn auf den Weg, stets bereit, die Lücke mit In-Mariazell-wartet-er-bestimmt-auf-uns-Witzen vermeintlich aufzufüllen.

Die Etappe von Maria Neustift nach Ybbsitz (Ibbsitz!) war mit 25 km und einer nicht nennenswerten Summe von Höhenmetern als Ruhetag eingestuft. Trotzdem hat sich die Gruppe dazu entschieden, den Weg zurück auf die Originalstrecke motorisiert zurückzulegen (danke Kathi!!). Ehrenhalber sei erwähnt, dass sich Christian nur grummelnd dem Votum beugen musste. Meine Ausrede? Es hat geregnet. Oder so.

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Erfreulich: Jürgen hat den Terminkalender freigeräumt, aufdass er uns wenigstens einen Tag lang begleiten konnte. Am Maria Neustifter Hauptplatz werden wir persönlich begrüßt („Es seid‘s Mariazölla, gö?“) und mit guten Worten bedacht („Na hobt’s es eh glei g’schofft!„) auf den Weg geschickt. Wohlan!

Während wir feuchtkalte Weiden queren, erkundigt sich Jürgen nach den Gründen für die Wallfahrt/Reise. Hm. Meine kenne ich, die der anderen nicht. Das ist weder gut noch schlecht, aber die Erkenntnis, dass ich es nicht weiß, macht mich nachdenklich. Wie funktionieren wir als Gruppe, wenn wir über diese Dinge nicht reden? Schließlich ist die Wanderung ja das, was uns verbindet. Das WARUM zählt nicht, zumindest hat es kein Gewicht. DASS wir gemeinsam unterwegs sind, ist die kohärente Kraft.

Wir können fünf Tage lang Seite an Seite Zeit miteinander verbringen, im selben Bett schlafen ohne Namen kennen zu müssen. Wer will, darf einsam sein, müssen tut das keiner. Wenn Vorräte zur Neige gehen, wird selbstverständlich geteilt. Dass Jon bis zum letzten Meter gefehlt hat und das immer noch tut, ist ein Indikator für die Gruppe. Sie ist großartig, so wie sie ist.

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Zurück auf die Strecke. Der Wind treibt ständig Wolkenfelder über uns hinweg, die dann und wann auch wirklich Wasser lassen. In Waidhofen lässt uns Jürgen eine kleine Stadtführung angedeihen. Lauter „hmm… jo, schen“ und „aha, a Bruckn oiso“ purzeln aus den Mündern. Auch so eine männliche Art, Danke zu sagen. Fotografiert wird hingegen alles mit Hingabe. Immer. Wir sind da konsequent. Dann Mittagessen und die Überlegung, was wir mit dem Überhang an Tagesfreizeit anstellen werden.

Auf dem Weg von Waihofen nach Ybbsitz (Ibbsitz!) stellen sich ein paar Hügel in den Weg. Die machen uns das Leben nicht schwer, aber die Gegend schön. Und davon gibt es hier sehr, sehr, sehr viel. Ich mag das. Das Wetter uns nicht, es wird zunehmend ungemütlich. Der Schnaps, der als Gastgeschenk reihum beinahe gerecht aufgeteilt wird, illuminiert die dunkelgrauen Wolken.

Kurz vor Ybbsitz (Ibbsitz!) kicken wir eine Birne die Straße entlang ins Tal, diese kommt vor der Fleischerei Kainrath, die gleichzeitig Unterkunft ist, zu liegen. Die Assoziation mit dem Buch „Der Knochenmann“ drängt sich auf. Zu unrecht. Essen wollte dort trotzdem keiner. Jürgen nimmt den Bus nach Hause. Danke, dass du dabei warst!

Der Abend wird wohlig, das A-Team haut die Serben mit einem  3:2-Sieg weg. Jon, wo bist du?

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