Von Ybbsitz nach Lackenhof

Der Herbst ist ein talentierter Maler. Vor meinem geistigen Ohr taucht meine Mutter auf. Ohne diese verträumte Feststellung geht sie im Herbst nicht außer Haus. Sie hat ja recht, aber warum muss er ausgerechnet heute ein Aquarell malen?

Seit gestern werden Wetterapps feinmaschig gecheckt. Die allermeisten (und wir haben in der Gruppe wirklich die allermeisten abgefragt) Quellen gehen von Regen aus.  Sie sollten Recht behalten. Gänzlich gegenteilig verhalten sich Messergebnisse diverser Fitnessapps in der Disziplin erklommene Höhenmeter: die Diskrepanzen erreichen großglocknersche Ausmaße. Aber soweit sind wir ja noch nicht. Höhenmeterleistung in Ybbsitz 08:00 Uhr: Null. Nada. Nix.

Wir marschieren also die Eisenstraße den beschaulichen Ort entlang mit dem Tagesziel Lackenhof. Schon bald fordert die Suche nach einem Cache den ersten Halt. Der einsetzende Regen und die Länge der Etappe machen etwas Druck. Die Tatsache, dass wir erst 200 von 31.000 Metern hinter uns gebracht haben, der befürchtete Regen tatsächlich einsetzt und wir an der Adresse In der Noth warten, machen die Lage nicht fröhlicher. Als weder Geduld noch Cache auftauchen, lassen wir beides hinter uns und marschieren los.

Technischer Halt unter dem schützenden Blätterdach einer Linde: Regenhose anziehen. Die anderen. Ich nicht, weil… ja, das überleg ich gerade. Ich hätte ja auch eine, aber halt zu Hause. Optimismus beim Packen trägt Schuld daran, dass sie dort blieb. Es wird schon halbwegs trocken bleiben. Optimismus steht mir einfach nicht. Die Kapuze der Regenjacke auch nicht, trotzdem verkrieche ich mich unter ihr vor dem Regen. Die übergezogenen Plastikschichten über ungeschützte Körperteile und Rucksäcke machen uns zu einer quietschbunten Karawane, die gedankenversunken gen Mariazell zieht. Die Wolken hängen tief ins Gemüt.

IMG_20171007_091245_HDR.jpg

Ich mach es mir in kollektiver Einsamkeit gemütlich. Ändern kann ich das Wetter ohnehin nicht. Es selbst kann das schon:  jetzt schüttet es. Die Nässe kriecht vom Hosenbund schrittweise kniewärts, also doch wieder ungemütlich. Nach Asphalt wieder Wald. Auf dem Weg nach Lunz am See will ein Berg überschritten werden. Mein Optimismus sagt: do samma glei obn. Wie gut ich mich mit dieser Geisteshaltung auskenne, hab ich in der Regenhosefrage hinlänglich unter Beweis gestellt.

Tiefer Boden, Sturm und zur Abwechslung kein Regen. Sondern Graupel. Wir müssen die Skisaison um Haaresbreite verpasst haben. Talwärts gönnen wir uns eine Verschnaufpause im Windschatten eine Hofes. Die Bäuerin bittet uns in die gute Stube, was wir ob der Zeitnot ausschlagen müssen. Um zwei Uhr nachts hätten sie Wanderer aus dem Bett geklingelt erzählt sie schmunzelnd und zieht sich sichtlich frierend wieder in ihre Unterkunft zurück.

Mittagsziel Lunz am See. In Holzapfel treffen wird auf eine Holzäpflerin, die sich nach unserem Ziel erkundigt:  Zum Ötscher? Da liegt ja scho Schnee, do woa i gestern. Also doch Skisaison. Das letzte Stück schlängeln wird die Gleise der Ybbstalbahn die Landschaft entlang. Im Sommer müssten wir uns diese Wildromantik mit Massentouristen teilen. Erstmals freu ich mich darüber, die Wanderung auf den Spätherbst verlegt zu haben.

Lunz am See lassen wir gestärkt und unaufgeregt hinter uns. Ein Schnoppa am See entlang nach Lackenhof lässt sich sehr gemütlich an. Wir liegen besser in der Zeit als geplant, das Sonnenlicht wird reichen. Die herbstliche Schönheit des Weges leidet ein wenig unter der Müdigkeit, wir haben beinahe 30 km in den Beinen. Die sind übrigens wieder trocken, die Regenausrüstungen verstaut, die Sonne scheint.

Ein Skiort wie Lackenhof außerhalb der Saison ist ein trostloses Erlebnis. Vereinzelt trifft man auf Menschen, die orientierungslos scheinen im Dunkel der Hotelbeleuchtungen. Unsere Unterkunft ist die am höchsten gelegene im Ort. Da ich für die Buchung zuständig war, zieht sich der unausgesprochene Unmut über meinem Kopf zusammen. Sie werden morgen beim Aufbruch zum Ötscher ins Tal blicken und mir vergeben. Wer nennt sein Hotel eigentlich „Blümchen“?

IMG_20171007_172547_HDR.jpg
It's only fair to share...Share on FacebookTweet about this on Twitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.