War Privatheit gestern?

Ob er mir davon auch persönlich erzählt hätte? Von seinen Peinigern, die ihn als Kind nach Strich und Faden verdroschen haben. Auge in Auge hätte er wohl seine Schwierigkeiten damit, sein Innerstes hervorzukehren, in all seinen Facetten. Zum Beispiel von der gelben Schiene für Miniaturautos, mit der er verdroschen wurde. Ich glaube nicht. Wir kennen uns nicht einmal, wir sind uns nie begegnet und trotzdem schreit mich das Geständnis von allen Seiten an: lies mich! Hin und wieder sehe ich ihn im TV, von „kennen“ kann keine Rede sein. Er hat mich vermutlich noch nie gesehen. Und trotzdem teilt er seine Scham mit mir und jedem, der das möchte. Ich möchte das nicht, er fragt nicht.

Mit dieser Beklemmung befinde ich mich nicht in der Mehrheit, denn die johlt und beklatscht so viel Mut und Offenheit. Weil die Welt jetzt eine bessere ist? Zumindest half der Text vielen, ihre eigenen Dämonen sichtbar werden zu lassen: plötzlich erfahre ich via Twitter von Nazi-Schergen, die Opas verdroschen haben, von Gürtelschnallen, die auf Rücken herniedergedonnert sind, von seelischen Wunden, die wohl nie wieder heilen werden.

Warum tut man das? Was steht hinter einem solchen öffentlichen Zurschaustellung? Schaut her, was mir widerfahren ist? Schaut her, was trotzdem aus mir geworden ist? Schaut her, wie ich mich trotzdem herausgewurschtelt hab? Was es auf jeden Fall schreit: schaut her!

Mir fällt es immer noch schwer die Motivationen zu ergründen, warum Menschen so lustvoll die Grenzen zwischen innen und außen auflösen. Reicht es nicht, dass das ohnehin von Geheimdiensten und Konzernen tagtäglich äußerst effizient versucht wird? Die freiwillige Aufgabe der Privatheit rückt näher als mir lieb ist. Postprivacy, ick hör dir trappsen.

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