Flo Rider

Es gibt ihn, diesen perfekten Fluss am Rad. Der Zustand, der das größte Glück auf zwei Rädern bedeutet. Wenn Atmung, Trittfrequenz, Geschwindigkeit und Kraftaufwand in Harmonie kommen.

Nach zwanzig Minuten sind die Beine durchgewärmt, die Lungenflügel weich. Die Atmung geht tiefer als üblich, bleibt kontrolliert. Mit Freude nehmen die Oberschenkel den Kurbelbefehl entgegen, drücken und ziehen im Gleichklang. Aus ungleichem Reifenlärm wird gleichmässiges Summen, geht auf im geschmierten Surren der Kette. Die Hüfte sitzt fest im Sattel, lässt dem Kurbeln seinen natürlichen Lauf, Befehlskette obsolet. Der Oberkörper weilt stabil auf Unterarm und Sattel.

Der Blick verliert den Fokus, Struktur im Asphalt verschwimmt zu rauschendem Grau. Langsam zieht ein nebuloses Brennen in die Muskulatur, der Luftzug im Gesicht frischt auf, Spuren von Schweiß. Atmung und Bewegung im Gleichklang. Die nächsten Kilometer werden pures Glück, es radelt mich.

Mariazell 2018

„Miad schaust aus“, begrüßt mich Fabian. Es ist ein zweifelhaftes Kompliment und richtig. Die Wallfahrt nach Mariazell hat ihre Spuren in meinem Gesicht hinterlassen. Wobei Wallfahrt nicht ganz stimmt, es war eine sportliche Herausforderung: 130 km mit 5000 Höhenmetern in 4 Tagen. Dagegen waren die ersten Gehversuche vor 3 Jahren ein lupenreiner Lercherlschas.

Christian und Martin haben mir heuer den Luxus gegönnt, mich nicht, aber auch gar nicht um die Organisation kümmern zu müssen. Und ich hab mir mit dem großen Löffel gegönnt. Keine Streckeneinteilung, keine Unterkunft kein gar nix musste ich aufstellen. Nur die Terminvereinbarung, die ging aber vergleichsweise geschmeidig. Noch so ein Vorteil, dass die Austria die Saison verkackt hat.

Jedenfalls hab ich in der Vorbereitung etwas von Graf Meran, Hoher Veitsch und Hüttenschlafsack gelesen. Auch, dass der Grazer Weg kein Zuckerschlecken sei. Pillepalle, wir sind ja im Training. Drei Tage vor Abfahrt schau ich mir die GPS-Tracks an, setz mich hin und frage mich ungläubig, ob wir denn a bisserl deppert wären.

Die Wahrheit liegt bekanntlich am Weg und die Beantwortung der Frage war ohnehin zu Fuß zu klären. Also setz ich mich einen Flixbus in Richtung Graz. Meine Sitznachbarin ergeht sich in ausladendem Telefoniergehabe. Stoisch stopfe ich Kopfhörer ins Ohr und bereite mit maximaler Lautstärke und CivilWar von GunsnRoses dem Gefasel von nebenan ein Ende: „What we’ve got here, is failure to communicate

Tag 1, von Graz nach Passail

Es ist ein Feiertag also wird etwas in der Basilika von Maria Trost gefeiert. Als Pilger müsste ich teilnehmen, als Sportler fotografiere ich das Treiben wie alles Außergewöhnliche am Wegesrand. Das Wetter meint es gut mit uns. Vorausgesetzt, man mag gleißende Sonne.

Es geht gleich hügelig los, eine Flachetappe ist mir nicht vergönnt. Bald tut sich der Hausberg der Grazer Sportler aus dem Dunst hervor, der Schöckl. Eine Gondelfahrt kostet 7,20 und ich wär dafür, dass wir hinauffahren. Ich mag jetzt nicht verraten, wer uns den Vorschlag eingebracht hat, aber ich habe mich dafür ausgesprochen. Gut ausgeruht genießen wir die Mittagssonne im Gastgarten eines Gipfelwirtes. Ein schlechtes Gewissen musste ich nicht runterschlucken, ich hatte keines. Beim nordseitigen Abstieg erkennen wir bereits das Tagesziel Passail in der Ferne. Der Pilgerweg dorthin führt über einen  zweistündigen Umweg auf Asphalt. Normale Wanderer gehen diesen laut Beschilderung nicht. Würde in Arzberg nicht ein Blasmusikkonzert zum Laben einladen, hätte der Umweg genau nichts an Vorteilen anzubieten, hat er aber. Kurz vorm Tagesziel verliert Martin die rechte Sohle, findet in Passail aber ein Jahr zuvor eine verschollene Verwandtschaft. Die hat dann zufällig noch ein passendes Paar Schuhe parat. Glückskind.

Tag 2, von Passail auf die Schanz

Im Frühstücksraum erzählt uns die Hausherrin von einer einsamen Wanderin, die auch im Haus übernachtet, aber heute abbrechen wird. Kurz darauf schickt die sich an, an unserem Tisch platz zu nehmen. Noch hat ihr Hintern die Sitzbank nicht berührt, springt sie von bösen Blicken getroffen wieder auf und nimmt  am Nachbartisch irritiert platz: „Guten Morgen“. Die Wirtin versucht zu intervenieren: „Kannst ruhig mitgehen mit den Herren, sooo schnell werden die schon nicht gehen. Probier’s doch noch einen Tag„. Eine peinliche Pause entsteht. „Nana, ich fahr heute wieder heim, ich hab mich überschätzt„. Peinliche Pause prolongiert. Fertigfrühstücken. Wir haben uns gerade als Paradeostösterreicher geoutet.

Glaubst, wär sie gern mitgegangen„, frage ich vor dem Aufbruch meinen Zimmerkollegen. „Na, dann hätt’s ja was gesagt„. Aufbruch, kurzer Halt beim Bankomat, schon kommt eine Wanderin mit übergroßem Gepäck hinterhergewackelt. „Gehst mit?“ „Ja, wenn ich darf„. Klar darf sie. Sie begleitet uns auf die Sommeralm. Bis dahin erfahre ich, dass sie Lehrerin ist und kann mir ein paar Tipps für Mausezahn’s schulischen Umstieg holen. Die Höhenmeter vergehen wie im Flug

Auf der Sommeralm nagelt uns ein Gewitter fest. Der Wirt bietet uns Zimmer zur Übernachtung an, vom Wandern über die Alm rät er uns ab. Recht hat er. Ein Abbruch steht im Raum, der kann aber dank Taxifahrt abgewandt werden. Während wir Serpentinen hoch und runter jagen, versuche ich mit mit der Frage abzulenken, wie hoch das Risiko vom Blitz getroffen zu werden ist, verglichen mit einem Ausflüg über die Leitplanken hinaus. Schon schupft uns die Taxlerin auf der Schanz raus und brettert mit aufheulendem Motor wieder die Serpentinen hinauf. Glückskinder.

Beim Abendessen wird immer wieder thematisiert, ob wir noch doch hätten gehen können, sollen, müssen. Der Abkürzer wird als Betrug oder Schmach interpretiert. Wieder könnte ich mein schlechtes Gewissen gleichzeitig mit dem Zwiebelrostbraten hinterschlucken. Wenn ich denn eines hätte. Am Nebentisch wird ein Taxi für morgen organisiert, der Aufstieg von Mitterdorf auf die Veitsch wird gerne mit dem Taxi unterstützt, sagt auch der Pilgerführer. Wir pilgern aber nicht.

Gut ausgeruht liege ich in der unteren Etage eines Stockbettes. Von oben feixt mich ein gezeichneter Hase an. Irgendwas will er mir sagen, ich komm nicht drauf. Bald darauf schlafe ich den Schlaf der Seeligen.

Tag 3, von der Schanz auf die Rotsohlalm

Vorbei an fruchtlosen Heidelbeerfeldern führt der Weg durch einen Windpark. Georg’s Füße sind mittlerweile von großflächigen Blasen geplagt, er hat eine Heimfahrt mit dem Zug ab Mitterdorf im Sinn. Bis dahin muss er erst einmal kommen, Georg und die Pharmaindustrie geben ihr Bestes. Der Abstieg nach Mitterdorf ist etwas beschwerlich, weil über felsig rutschigen Untergrund. In der Zwischenzeit „ballert“ die Betäubung und legt die Blasen still. Wir liegen gut in der Zeit, kommen um elf in Mitterdorf an. Es wird die weitreichenden Entscheidungen getroffen, dass weder Zug noch Taxi für den weiteren Tagesverlauf gebraucht werden. Also raus aus dem Tal, es liegen sieben Stunden Steigung vor uns, bevor wir die Rotsolalm zur Nachtruhe erreichen wollen.  Natürlich kommt mir ein Wortwitz in den Sinn, aber der ist dann sogar mir zu flach. Und flach ist an dem Tag gar nix, nicht mal die Witze. Anscheinend doch.

Dieser Aufstieg war der beschwerlichste Teil der gesamten Wanderung. Der Gedanke an ein klimatisiertes Zugabteil, das sich in Richtung Wien schiebt kugelt in meinem Kopf herum. Georg hat den Zug sausen lassen und ist weiterhin mit von der Partie. Pause bei Kilometer dreißig. Ich blicke zurück ins gegenüberliegende Tal, am Horizont erkenne ich den Windpark wieder. Ob sie sich drehen, kann ich nicht erkennen. Vermutlich schon, der Wind treibt Gewitterwolken über die Berge. Vor mir ein imposantes Massiv, die Veitsch. Im Moment der Ruhe kondensiert die Erkenntnis der Tour: ich brauch das nicht. Ich kann fünfunddreißig Kilometer am Tag gehen, gerne auch vierzig, wenn nötig, aber ich will es nicht. Die Beine können aber nutzt ja nix, wenn der Kopf nicht will. Ich hab mein Limit kennengelernt und übergangen. Georg’s Ausrüstung und ich sind uns einig: abgesehen von den Höllenqualen, die sich in seinem Schuh abspielen, kündigt sich auch ein Drama an seinen Schuhen an: die Sohle löst sich. Eine Stunde später Ankunft auf der Alm. Wir sind die einzigen Gäste, auf der von zwei Freundinnen betriebenen Alm. Nach dem Schweinsbraten brauch ich noch Energie in rauen Mengen. Ich erkundige mich nach dem  Rahmsterz, den mir die Karte anbietet. „Des ist so a Eigenheit von do. Mit Rahm. Mir schmeckt’s ned„. „Gut, dann nehm ich das und den Schokokuchen„. Nach kurzer Hüttengaudi falle ich in einen ruhelosen Schlaf.

Tag 4, von der Rotsohlalm nach Mariazell

Auf nach Mariazell. Georg hat Sohle und Füße so gut wie möglich mit Leukoplast versorgt. Er sitzt am Bettrand, starrt ungläubig in die offenen Schuhe und murmelt: „Wie soll ich da nur reinkommen?„. Mit Marmeladebrot gestärkt geht es bergab zum ersten Zwischenziel in Niederalpl. Georg’s Füße brauchen eine Pause. Bei einer Rast erkenne ich das Ausmaß des Dramas: es ist kaum zu erkennen, wo die eine Blase aufhört und die andere beginnt. Trockene Stellen zum Kleben sind Mangelware. Mit Schnaps und einem Messer versucht er zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Neue Blasenpflaster, neues Leukoplast, neue Schmerzmittel, er muss irgendwie nach Niederalpl zur nächsten Straße. Auf die Zähne beißen und weiter geht’s. Ich bin tief beeindruckt. Spät aber doch ballern die Schmerzmittel doch dann ist Schluss, die Vernunft gewinnt Oberhand. Georg versucht sich motorisiert nach Mariazell durchzuschlagen, noch zwanzig Kilometer.

Regen und Sonne wechseln sich ab, das Tempo trotz ausgelaugter Beine gut, Heimweh schlägt Müdigkeit. Noch die letzten Serpentinen mit Elan genommen, schon erwarten uns Martin’s Eltern mit Schnaps und Georg mit Flip Flops im Zielort. Die Basilika empfängt mich kühl und gelassen, eine Messe wird gelesen. Dieser Moment der Stille ist eine einprägsame Erinnerung, ich werde zum Pilger und bin ganz bei mir. So außergewöhnlich der Moment ist, so wenig Platz hätte er auf einem Foto. 

Rollenverteilung

Der Innenminister tritt vor die Kameras und spricht von seiner Vision Menschen in Lagern zu „konzentrieren“. Der mediale Aufschrei lässt nicht auf sich warten. So hölzern er den Terminus ansteuert, so wenig Zweifel hab ich an seiner Absicht der Verwendung.

Einen Tag später hilft der Vizekanzler im Tiroler Wahlkampf aus. Er inszeniert sich in einem Szenario, das unweigerlich an finstere Zeiten unserer Geschichte erinnert. Natürlich alles Zufall und irgendeine Band hatte auch schon mal schwarz vermummte Trommler in Verwendung. Auch hier: der blaue Vizekanzler hölzern in der Inszenierung, keine stolze Brust, kein erhobenes Haupt. Stattdessen nervöses Herumzupfen am engen Sakko mit gesengtem Blick. Vielleicht schämt er sich sogar ein wenig für das Theater.

Dieses scheinbar unschuldige Spiel mit faschistischen Fantasien ist nicht neu. Als Opposition ist das zwar geschmacklos aber passt ins Bild einer Partei, die sich am äußerst rechten Rand des politischen Spektrums befindet. In staatstragender Funktion sieht das ganz anders aus. Es wirkt massiv deplaciert und unbeholfen.

Warum macht die FPÖ das? Weil die ÖVP alles richtig macht. Nicht aus der Sicht meiner moralischen Welt, aber aus der Sicht gewiefter Strategen. Wieder einmal lässt man den kleineren Koalitionspartner die Drecksarbeit machen. Der Haushalt soll über Kürzungen im Sozialbereich finanziert werden. Die Wähler der Liste Kurz nehmen das gelassen hin, sie haben typischerweise genau das erwartet und gewollt. Bei der blauen Wählerschaft sieht das schon wieder anders aus. Die beginnt gerade aufzuwachen und zu erkennen, dass die Vorhaben ihrer ideologischen Idole sich zwar gegen die schwächeren der Gesellschaft richten, sie aber dummerweise zu dieser Gruppe gehören könnten. Nervöses Murmeln.

Unruhe in der eigenen Klientel braucht man gar nicht.  Es braucht vielmehr einen Themenwechsel im öffentlichen Diskurs. Also zurück zu bewährten Mitteln: codierte Sager, die natürlich gar nicht so gemeint sind. Kritik wird barsch zurückgewiesen, man weiß von nichts, und Opfer sowieso.  Mediale Dresche ist einkalkuliert und gewünscht, sie zieht jeglichen Diskurs auf sich und lässt Kürzungen unauffällig von der öffentlichen Bühne trapsen.

Gegen die blauen Krawallmacher wirkt Liste Kurz geradezu gemäßigt. Vermutlich läuft es für die türkise Partei wie geplant. Genüssliches Händereiben passiert noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Nur bei gemeinsamen Pressekonferenzen hängt Kurz mit angehaltenem Atem an den Lippen von Strache und denkt nur einen Gedanken: „Mach dich zum Horst, gerne. Aber bitte, bitte, bitte nicht, wenn ich gemeinsam mit dir im Bild bin“.

Sie machen schon wieder alles richtig.

Tabu. Ein Kommunikationsspiel.

Tabu ist ein Klassiker unter den Gesellschaftsspielen. Genauer gesagt ist es ein Kommunikationsspiel. Schnell erklärt: der Mitspieler muss einen Begriff erklären. Die Schwierigkeit dabei bilden Tabubegriffe, die dabei nicht verwendet werden dürfen. Gelingt die Vermeidung nicht, so haut der Quietschbeauftragte auf eine Quietschente und besiegelt damit die Disqualifikation.

Das ist wie, wenn man die Aufhebung des Nichtraucherschutzes erklären soll und dabei die Begriffe Asyl, Wirtschaftsflüchtling, illegal, Mittelmeer und Kriminalität nicht verwenden darf. Zugegeben, das ist schon ein Beispiel aus der Meisterklasse.

Als aufgeweckter Medienkonsument und -beobachter spiele ich den Quietschentenbeauftragten.  Dabei gibt es eine Erleichterung für die Mitspieler: Fragen bzw Begriffe werden nicht eingeschränkt, alles ist erlaubt. Einzig die oben erwähnten Tabubegriffe sind gesetzt.

Anstatt eine Quietschente zu quälen hab ich ein abgewandeltes Ritual entwickelt: sobald ein Tabubegriff verwendet wird, schlucke ich ruckartig Luft in den Magen, die flugs als gerülpstes „Bullshit!“ wieder in die Welt geschickt wird. Weiters wechsle ich den Sender, blättere die Zeitung um oder starte das Smartphone neu. Je nachdem, in welchem Medium das Spiel gespielt wird.

Während der Regierungsverhandlungen hab ich einen rutualisierten Schnaps hinterhergekippt. Mein Hausarzt rät mir mittlerweile davon ab.

Mariazell 2017

„Do muaßt scho auf‘s Liacht aufpassen“, belehrt mich der ältere Herr mit Hut und zeigt über meine Schulter hinweg auf die rote Fußgängerampel. Erwischt, das Warten an einer Kreuzung ohne Verkehr war mir zu öd. Den vermuteten Scherz erwidere ich gern: „I? Nana, des tät i nie“. Seine erzürnte Antwort soll das Motto der Wanderung werden: „Do muaßt di scho hoidn!“ Nach einer Begegnung mit einer grimmigen Verkäuferin mit Besen und einer Baustelle, die Irrwege verursacht, will mir Steyr anscheinend die Laune verderben. Keine Chance, ich komme mit Freunden.

Do muasst di scho hoidn!

Steyr empfängt uns sehr formell

Prolog

Losmarschiert sind wir die 2017er-Ausgabe der Mariazellerwanderung in Florian (Einheimischen verzichten auf das vorangestellte „St.“ und so will ich das auch tun, um nicht noch mehr Aufruhr im Oberösterreichischen zu riskieren). Von ebendort ging es flach dahin bis hierher, nach Steyr. Dazwischen haben sich Äcker, verstreute Vierkanter und Wälder zu einer Landschaft geformt, die ihre gesamte Schönheit nur aus der Vogelperspektive preisgibt. Wir sind aber nicht wegen der Schönheit hier, sondern weil… ja, das ist die Frage, auf die jeder, der in unserer Gruppe unterwegs ist, eine individuelle Antwort hat. Ich kenne sie nicht.

Auch auf die Frage, ob die nicht bezahlten Suppen am Mittagstisch uns oder dem Wirt zur Last gelegt werden müssten, gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Der eine oder andere ist womöglich eh unterwegs um ein Sündenhäufchen abzutragen. Der hat dann stillschweigend die Lässlichkeit mit den Suppen mit nach Mariazell genommen. Als Gruppe und bergab sind wir stark!

Also, die ersten 30 Kilometer haben wir in den Beinen und kehren vorerst nach Wien zurück. Ein Prolog wie aus dem Lehrbuch.

Tag 2, von Steyr nach Maria Neustift

Donnerstags drauf wieder Anreise mit dem Zug nach Steyr, jetzt zählt es wirklich: Abmarsch! Nach anfänglicher Verwirrung geht es steil bergauf zum ersten Schnoppa in Richtung Maria Neustift. Das Hinweisschild zum Physiotherapeuten winke ich als reinen Zufall ab. Ich sollte Recht behalten. Wir sind noch frisch, trippeln die ersten Höhenmeter fröhlich weg und nehmen sogar einen Gipfel mit, der gar nicht nötig wäre.

Es geht wellig auf Bergrücken dahin, vorbei an Windrädern (boah sind die laut!), Kühen und Marterln. Kurz vor Etappenende präsentiert sich Maria Neustift auf einer Anhöhe majestätisch im Sonnenschein. Die Küche in der Unterkunft Pfaffenlehen liegt bereits im Dornröschenschlaf, auch die gesamte Gastwirtschaft in Maria Neustift will nichts von uns wissen. Womöglich eilt uns ein Ruf als hinterhältige Suppendiebe voraus.

Daher schlagen wir uns die Bäuche in der letzten Rast, die gleichzeitig die erste Gastwirtschaft des Tages ist, voll und wutzeln uns die letzten Kilometer abwärts in die Unterkunft und in die Betten. Hach, es geht uns gut.

Tag 3, von Maria Neustift nach Ybbsitz

Wir haben Jon verloren. Nicht erst am Start der zweiten Etappe sondern schon Wochen vor dem Prolog. Er war nicht mehr erreichbar. Alle Kanäle zu ihm, waren versiegt. Dass er sich uns gegenüber lange Zeit als Jon Doe ausgab, machte die Suche nach ihm nicht nur schwieriger, sie blieb erfolglos. So machten wir uns ohne ihn auf den Weg, stets bereit, die Lücke mit In-Mariazell-wartet-er-bestimmt-auf-uns-Witzen vermeintlich aufzufüllen.

Die Etappe von Maria Neustift nach Ybbsitz (Ibbsitz!) war mit 25 km und einer nicht nennenswerten Summe von Höhenmetern als Ruhetag eingestuft. Trotzdem hat sich die Gruppe dazu entschieden, den Weg zurück auf die Originalstrecke motorisiert zurückzulegen (danke Kathi!!). Ehrenhalber sei erwähnt, dass sich Christian nur grummelnd dem Votum beugen musste. Meine Ausrede? Es hat geregnet. Oder so. Erfreulich: Jürgen hat den Terminkalender freigeräumt, aufdass er uns wenigstens einen Tag lang begleiten konnte. Am Maria Neustifter Hauptplatz werden wir persönlich begrüßt („Es seid‘s Mariazölla, gö?“) und mit guten Worten bedacht („Na hobt’s es eh glei g’schofft!„) auf den Weg geschickt. Wohlan!

Während wir feuchtkalte Weiden queren, erkundigt sich Jürgen nach den Gründen für die Wallfahrt/Reise. Hm. Meine kenne ich, die der anderen nicht. Das ist weder gut noch schlecht, aber die Erkenntnis, dass ich es nicht weiß, macht mich nachdenklich. Wie funktionieren wir als Gruppe, wenn wir über diese Dinge nicht reden? Schließlich ist die Wanderung ja das, was uns verbindet. Das WARUM zählt nicht, zumindest hat es kein Gewicht. DASS wir gemeinsam unterwegs sind, ist die kohärente Kraft.

Wir können fünf Tage lang Seite an Seite Zeit miteinander verbringen, im selben Bett schlafen ohne Namen kennen zu müssen. Wer will, darf einsam sein, müssen tut das keiner. Wenn Vorräte zur Neige gehen, wird selbstverständlich geteilt. Dass Jon bis zum letzten Meter gefehlt hat und das immer noch tut, ist ein Indikator für die Gruppe. Sie ist großartig, so wie sie ist.

Zurück auf die Strecke. Der Wind treibt ständig Wolkenfelder über uns hinweg, die dann und wann auch wirklich Wasser lassen. In Waidhofen lässt uns Jürgen eine kleine Stadtführung angedeihen. Lauter „hmm… jo, schen“ und „aha, a Bruckn oiso“ purzeln aus den Mündern. Auch so eine männliche Art, Danke zu sagen. Fotografiert wird hingegen alles mit Hingabe. Immer. Wir sind da konsequent. Dann Mittagessen und die Überlegung, was wir mit dem Überhang an Tagesfreizeit anstellen werden.

Auf dem Weg von Waihofen nach Ybbsitz (Ibbsitz!) stellen sich ein paar Hügel in den Weg. Die machen uns das Leben nicht schwer, aber die Gegend schön. Und davon gibt es hier sehr, sehr, sehr viel. Ich mag das. Das Wetter uns nicht, es wird zunehmend ungemütlich. Der Schnaps, der als Gastgeschenk reihum beinahe gerecht aufgeteilt wird, illuminiert die dunkelgrauen Wolken.

Kurz vor Ybbsitz (Ibbsitz!) kicken wir eine Birne die Straße entlang ins Tal, diese kommt vor der Fleischerei Kainrath, die gleichzeitig Unterkunft ist, zu liegen. Die Assoziation mit dem Buch „Der Knochenmann“ drängt sich auf. Zu unrecht. Essen wollte dort trotzdem keiner. Jürgen nimmt den Bus nach Hause. Danke, dass du dabei warst!

Der Abend wird wohlig, das A-Team haut die Serben mit einem  3:2-Sieg weg. Jon, wo bist du?

Tag 4, von Ybbsitz nach Lackenhof

Der Herbst ist ein talentierter Maler. Vor meinem geistigen Ohr taucht meine Mutter auf. Ohne diese verträumte Feststellung geht sie im Herbst nicht außer Haus. Sie hat ja recht, aber warum muss er ausgerechnet heute ein Aquarell malen?

Seit gestern werden Wetterapps feinmaschig gecheckt. Die allermeisten (und wir haben in der Gruppe wirklich die allermeisten abgefragt) Quellen gehen von Regen aus.  Sie sollten Recht behalten. Gänzlich gegenteilig verhalten sich Messergebnisse diverser Fitnessapps in der Disziplin erklommene Höhenmeter: die Diskrepanzen erreichen großglocknersche Ausmaße. Aber soweit sind wir ja noch nicht. Höhenmeterleistung in Ybbsitz 08:00 Uhr: Null. Nada. Nix.

Wir marschieren also die Eisenstraße den beschaulichen Ort entlang mit dem Tagesziel Lackenhof. Schon bald fordert die Suche nach einem Cache den ersten Halt. Der einsetzende Regen und die Länge der Etappe machen etwas Druck. Die Tatsache, dass wir erst 200 von 31.000 Metern hinter uns gebracht haben, der befürchtete Regen tatsächlich einsetzt und wir an der Adresse In der Noth warten, machen die Lage nicht fröhlicher. Als weder Geduld noch Cache auftauchen, lassen wir beides hinter uns und marschieren los.

Technischer Halt unter dem schützenden Blätterdach einer Linde: Regenhose anziehen. Die anderen. Ich nicht, weil… ja, das überleg ich gerade. Ich hätte ja auch eine, aber halt zu Hause. Optimismus beim Packen trägt Schuld daran, dass sie dort blieb. Es wird schon halbwegs trocken bleiben. Optimismus steht mir einfach nicht. Die Kapuze der Regenjacke auch nicht, trotzdem verkrieche ich mich unter ihr vor dem Regen. Die übergezogenen Plastikschichten über ungeschützte Körperteile und Rucksäcke machen uns zu einer quietschbunten Karawane, die gedankenversunken gen Mariazell zieht. Die Wolken hängen tief ins Gemüt.  

Ich mach es mir in kollektiver Einsamkeit gemütlich. Ändern kann ich das Wetter ohnehin nicht. Es selbst kann das schon:  jetzt schüttet es. Die Nässe kriecht vom Hosenbund schrittweise kniewärts, also doch wieder ungemütlich. Nach Asphalt wieder Wald. Auf dem Weg nach Lunz am See will ein Berg überschritten werden. Mein Optimismus sagt: do samma glei obn. Wie gut ich mich mit dieser Geisteshaltung auskenne, hab ich in der Regenhosefrage hinlänglich unter Beweis gestellt.

Tiefer Boden, Sturm und zur Abwechslung kein Regen. Sondern Graupel. Wir müssen die Skisaison um Haaresbreite verpasst haben. Talwärts gönnen wir uns eine Verschnaufpause im Windschatten eine Hofes. Die Bäuerin bittet uns in die gute Stube, was wir ob der Zeitnot ausschlagen müssen. Um zwei Uhr nachts hätten sie Wanderer aus dem Bett geklingelt erzählt sie schmunzelnd und zieht sich sichtlich frierend wieder in ihre Unterkunft zurück.

Mittagsziel Lunz am See. In Holzapfel treffen wird auf eine Holzäpflerin, die sich nach unserem Ziel erkundigt:  Zum Ötscher? Da liegt ja scho Schnee, do woa i gestern. Also doch Skisaison. Das letzte Stück schlängeln wird die Gleise der Ybbstalbahn die Landschaft entlang. Im Sommer müssten wir uns diese Wildromantik mit Massentouristen teilen. Erstmals freu ich mich darüber, die Wanderung auf den Spätherbst verlegt zu haben.

Lunz am See lassen wir gestärkt und unaufgeregt hinter uns. Ein Schnoppa am See entlang nach Lackenhof lässt sich sehr gemütlich an. Wir liegen besser in der Zeit als geplant, das Sonnenlicht wird reichen. Die herbstliche Schönheit des Weges leidet ein wenig unter der Müdigkeit, wir haben beinahe 30 km in den Beinen. Die sind übrigens wieder trocken, die Regenausrüstungen verstaut, die Sonne scheint.

Ein Skiort wie Lackenhof außerhalb der Saison ist ein trostloses Erlebnis. Vereinzelt trifft man auf Menschen, die orientierungslos scheinen im Dunkel der Hotelbeleuchtungen. Unsere Unterkunft ist die am höchsten gelegene im Ort. Da ich für die Buchung zuständig war, zieht sich der unausgesprochene Unmut über meinem Kopf zusammen. Sie werden morgen beim Aufbruch zum Ötscher ins Tal blicken und mir vergeben. Wer nennt sein Hotel eigentlich „Blümchen“?

Tag 5, von Lackenhof nach Mariazell

Der Blick geht schon voraus ich bleibe zurück. In perfekter Adjustierung starre ich durch den Ötscher zum Ziel der Reise, die Basilika in Mariazell. Fokus auf den wolkenverhüllten Gipfel, da oben schneit es bestimmt. Der Blick wandert bergab zu einem Bergsattel, dort regnet’s nur. Noch bin ich trocken, noch steh ich ungläubig am Fenster.

Es nutzt ja nix. Ich sammle mich und meine Vorfreude auf die Ankunft zu einem Hau-Ruck vor der Unterkunft. Gemma!

Die quietschbunte Karavane schraubt sich eine schwarze Piste den Berg hinauf. Je nach Kraftreserven sind die Serpentinen mal ausladender mal weniger. Auf dem Sattel ist es grausig windig, kalt und regnerisch, es geht bergab. Blödeln setzt ein.

Der gemütliche Teil führt uns durch die Ötschergräben. Obacht, es ist glitschig, Sturm haut uns Regen um die Ohren. Die Gräben werden enger, die angebotenen Handseile kommen mir sehr gelegen. Nächster Motivationspunkt ist die Jausenstation Ötscherhias. Unsere elektronischen Gerätschaften sagen voraus, er habe heute geöffnet. Was gut ist, weil unsere Vorräte zu Ende gehen. Wie weit es bist zum Ötscherhias tatsächlich noch ist, darüber herrscht vage Uneinigkeit zwischen den modernen Gerätschaften. Eh egal, weil erstens liegt er eh am Weg und zweitens nutzt’s ja eh nix. Das Wissen um die Weite verkürzt sie nicht.

Ausgemergelte Ankunft beim Ötscherhias. Der is a Trottl, denk ich mir. Weil der hat heute keinen Betrieb, obwohl die Gerätschaften das einhellig behaupten. Wir kratzen unsere Reserven zusammen um dem Hunger ein Schnippchen zu schlagen. Gemeinsam gesättigt machen wir uns auf den Weg, wieder bergauf, raus aus den Ötschergräben, das Finale erwartet uns.

Es ist nicht mein bester Tag, was Stimmung und Wehleidigkeit angeht aber ja, es nutzt ja nix. Mitterbach, Weißenbach, St. Sebastian, Einflugschneise nach Mariazell. 

Stimmung und Blasen heben sich, ich grinse in mich hinein, hinter der nächsten Kurve die Spitze der Basilika, nein doch hinter der nächsten oder der übernächsten. Schließlich behalte hab ich Recht: wir sind da!

Zufriedenheit strahlt alle Mühsal weg. Ankommen und da sein, mehr ist es nicht, im Moment ist es alles.

Die letzte Einkehr im Goldenen Löwen am Hauptplatz wird in stiller Übereinkunft zur Tradition ausgerufen. Familienmitglieder treffen ein, ein großes Hallo! Nasse Kleidung am Klo wechseln, sich wieder für Körpergeruch genieren, ins Auto steigen und mit ungewohnter Geschwindigkeit zurück in den Alltag.  Beim Abschied ist eines fix: wir kommen wieder. Nutzt ja nix 🙂

Rebekka, komm heim!

Rebekka hat ein Talent: ihre einzigartige Stimme. Dafür wurde sie in ihrer Heimat Norwegen zur Volksheldin, sie verzauberte die Menschen reihenweise. Ihre Stimme ist wunderbar warm, ein Timbre, das  Schnee zum Schmelzen bringt, ungelogen. Genau das wurde ihr zum Verhängnis, sie schmolz bei öffentlichen Auftritten allen Schnee im Umkreis von drei Kilometern. Was ihre Fans liebten, fand der Fremdenverkehrsminister Nils Snimag nicht so prickelnd, die finanziellen Einbußen durch ausbleibenden Skitourismus waren unübersehbar. So geschah, was nicht geschehen durfte: Rebekka musste das Land verlassen.

Sie war todtraurig darüber, ihre Lieder wurden wie ihr Herz dunkler und schwerer. Am Tiefpunkt angelangt sang sie ein Duett gemeinsam mit Ludwig Hirsch. Das Tribute Der Schnee draußen schmilzt nach dessen Tod war das letzte Aufflackern ihrer allseits beliebten Ironie. Sie war ein Schatten ihrer selbst, ihr persönliches Umfeld sprach von einer menschlichen Tragödie.

Jahre später, Rebekka verdingte sich inzwischen als traurige Einpeitscherin bei Konzerten des Kronosquartetts, kommt es zum Regierungswechsel in ihrer Heimat Norwegen. Der neu amtierende Fremdenverkehrsminister Sören Kindergaard, hatte ein Einsehen. Er hob das Exil mit feuchten Augen auf: Was soll der Scheiß? Die Erderwärmung hat uns ohnehin sämtlichen Schnee weggefressen. Rebekka, kuum haam!

Die eilt unversehens zurück in den Kreis ihrer liebsten, ihr Herz heilt zurück im Schoß der Familie. Das Wiedersehen sehr emotional und genau da entstand das Lied Welcome Home, das sie im nachstehenden Video auf der privaten Weihnachtsfeier von Kindergaard als Hauptact zum Besten geben durfte. Viel Vergnügen!

Vielleicht war es auch anders.

Schauspiel

Eine beschauliche Kleinstadt im Speckgürtel Wiens ist Schauplatz einer Posse. Dem niedlichen Städtchen wird die Beherbergung eines Asylheimes zugemutet. Die Aufregung ist groß, weil dem sabbernden Geiferern zufolge die religiöse Okkupation der Kleinbürgerlichkeit damit besiegelt sei.

Dann passiert wirklich etwas: ein Jugendlicher stürzt aus einem Fenster besagter Einrichtung acht Meter in die Tiefe. Tragisch genug, weil multiple Knochenbrüche, Blaulichtgroßeinsatz sowieso. Ein Einsatzmitglied findet das alles furchtbar, die Tragödie ist endlich eingetroffen. In seiner Doppelfunktion als Gemeinderat erklärt er noch am selben Abend pflichtbewusst seinen potentiellen Wählern detailreich, dass alles ganz furchtbar wäre:  Mord und Totschlag. Es war ja zu erwarten!

Auch der Bürgermeister erzürnt sich Tags darauf medienwirksam. Was denn noch alles passieren müsse, fragt er sich auf pflichtbewusst auf so manchem Titelblatt. Das Heim müsse weg, weil „Mord“ ginge ja wirklich zu weit.

Dann untersucht die Staatsanwaltschaft und veranstaltet einen Lokalaugenschein. Ergebnis: die Mordvariante lässt sich aufgrund widersprüchlicher Aussagen der Exekutive gegenüber nicht aufrecht erhalten. Einzig ein Tatzeuge macht eine Version glaubhaft: der gestürzte hatte die Hosen voll und wollte durch das Fenster flüchten. Die beschuldigten werden aus der U-Haft entlassen.

Einerseits tragisch genug, dass es zu solchen Situationen kommt. Die Hitzigkeit andererseits, mit der die öffentliche Diskussion angefeuert wird, schockiert mich ebenso. Menschen, die gewählt wurden, um Verantwortung zu übernehmen, gießen aufgrund substanzloser Vorwürfe Öl ins Feuer.

Besonnenheit statt Mutlosigkeit, wär mal was. Oder eine Entschuldigung.

Hoerbuch to like

Hörbücher funktionieren für mich als Kopfkino sehr gut. Manche davon bleiben mir so stark in Erinnerung, dass ich sie gerne empfehlen möchte. Dazu dient diese Seite, die im Bedarfsfall erweitert wird.

Die Reihung ist chronologisch, Wertung im Text. Für alle Einträge gilt: sind sie online, sind sie empfohlen.

Here we go:

 

 

 

 

[aesop_chapter title=“Der Orientzyklus“ bgtype=“img“ full=“on“ img=“https://www.kramure.at/blog/wp-content/uploads/2017/08/mohammad-alizade-341348.jpg“ video_autoplay=“on“ bgcolor=“#888888″ revealfx=“off“ overlay_revealfx=“off“]

In Buchform warb Karl May auf verlorenem Posten um meine Gunst für seine Abenteuer. Dabei war jeder brave Bub Omas Liebling, wenn er die Abenteuer in grünem Leineneinband zu vervollständigen suchte. Ich hab mein Taschengeld lieber für die wöchentliche Mickey Mouse ausgegeben.  Aber Schallplatten, damit war ich zu locken. Beinahe täglich hat die Plattennadel wunderbare Geschichten vom Vinyl gekratzt und mir in den Kopf gezaubert. Da waren dann auch Winnetou und Old Shatterhand Helden. Genau genommen war es Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah, der mich beeindruckt hat.

Der spielt auch im Orientzyklus von Karl May eine gewichtige Rolle. Allerdings weit weniger blödelhaft als in den Verfilmungen. Was gut ist. Jedenfalls wurde dieser Romanzyklus  (bestehend aus Durchs Wilde Kurdistan, Von Bagdad nach Stambul, In den Schluchten des Balkan, Durch das Land der SKipetaren und Der Schut) vom WDR 2006 zu einer beachtlichen Hörbuchproduktion verwoben.

Dabei herausgekommen sind 12 Stunden atmosphärisches Abenteuer. Erzählkraft der Sprecher und Vertonung haben es immer wieder geschafft, mich ganz dicht an die Geschichte heranzuholen. Großes Kopfkino über Freundschaft, Treue und Mut. Ein wilder Ritt durchs wilde Kurdistan. Oh lucky me!

Der WDR hat die Produktion zum Download angeboten, allerdings zeitlich begrenzt. Hurtig zugreifen!

 

 

#twoff

Ach Twitter, was ist nur aus dir geworden? Vor Jahren streunte ich gerne durch deine Hallen, hab dein großartiges Angebot genossen, gelesen, gelernt und gestaunt. Diese Zeiten sind für mich vorüber. Du bist verkommen zu einem Jahrmarkt der Eitelkeiten, auf dem nichts mehr verhandelt wird. Recht zu haben ist ein hohes Gut geworden, leise Töne verstummen ungehört. Du hast deine weiche, offene Seite eingebüßt, harte Kanten und Konfrontationen gehören zu deinem Alltag. Aus dem spannenden Murmeln der tausend Gedanken ist ein hysterisches Gebrüll über Wortfetzen geworden. Deine kreative Zeit ist vorüber.

Viele Kontakte sind mir über den Weg gelaufen, die mir wertvollen hab ich als Freunde ins richtige Leben geholt, all den anderen danke ich und lass sie weiterziehen. Gehab dich wohl, du zu sogenanntes Soziales Netzwerk, ich wünsch dir und deinen Aktionären vieles, nicht unbedingt das Beste. Auf gut Wienerisch: hupf in Gatsch.