Mariazell 2018

„Miad schaust aus“, begrüßt mich Fabian. Es ist ein zweifelhaftes Kompliment und richtig. Die Wallfahrt nach Mariazell hat ihre Spuren in meinem Gesicht hinterlassen. Wobei Wallfahrt nicht ganz stimmt, es war eine sportliche Herausforderung: 130 km mit 5000 Höhenmetern in 4 Tagen. Dagegen waren die ersten Gehversuche vor 3 Jahren ein lupenreiner Lercherlschas.

Christian und Martin haben mir heuer den Luxus gegönnt, mich nicht, aber auch gar nicht um die Organisation kümmern zu müssen. Und ich hab mir mit dem großen Löffel gegönnt. Keine Streckeneinteilung, keine Unterkunft kein gar nix musste ich aufstellen. Nur die Terminvereinbarung, die ging aber vergleichsweise geschmeidig. Noch so ein Vorteil, dass die Austria die Saison verkackt hat.

Jedenfalls hab ich in der Vorbereitung etwas von Graf Meran, Hoher Veitsch und Hüttenschlafsack gelesen. Auch, dass der Grazer Weg kein Zuckerschlecken sei. Pillepalle, wir sind ja im Training. Drei Tage vor Abfahrt schau ich mir die GPS-Tracks an, setz mich hin und frage mich ungläubig, ob wir denn a bisserl deppert wären.

Die Wahrheit liegt bekanntlich am Weg und die Beantwortung der Frage war ohnehin zu Fuß zu klären. Also setz ich mich einen Flixbus in Richtung Graz. Meine Sitznachbarin ergeht sich in ausladendem Telefoniergehabe. Stoisch stopfe ich Kopfhörer ins Ohr und bereite mit maximaler Lautstärke und CivilWar von GunsnRoses dem Gefasel von nebenan ein Ende: „What we’ve got here, is failure to communicate

Tag 1, von Graz nach Passail

Es ist ein Feiertag also wird etwas in der Basilika von Maria Trost gefeiert. Als Pilger müsste ich teilnehmen, als Sportler fotografiere ich das Treiben wie alles Außergewöhnliche am Wegesrand. Das Wetter meint es gut mit uns. Vorausgesetzt, man mag gleißende Sonne.

Es geht gleich hügelig los, eine Flachetappe ist mir nicht vergönnt. Bald tut sich der Hausberg der Grazer Sportler aus dem Dunst hervor, der Schöckl. Eine Gondelfahrt kostet 7,20 und ich wär dafür, dass wir hinauffahren. Ich mag jetzt nicht verraten, wer uns den Vorschlag eingebracht hat, aber ich habe mich dafür ausgesprochen. Gut ausgeruht genießen wir die Mittagssonne im Gastgarten eines Gipfelwirtes. Ein schlechtes Gewissen musste ich nicht runterschlucken, ich hatte keines. Beim nordseitigen Abstieg erkennen wir bereits das Tagesziel Passail in der Ferne. Der Pilgerweg dorthin führt über einen  zweistündigen Umweg auf Asphalt. Normale Wanderer gehen diesen laut Beschilderung nicht. Würde in Arzberg nicht ein Blasmusikkonzert zum Laben einladen, hätte der Umweg genau nichts an Vorteilen anzubieten, hat er aber. Kurz vorm Tagesziel verliert Martin die rechte Sohle, findet in Passail aber ein Jahr zuvor eine verschollene Verwandtschaft. Die hat dann zufällig noch ein passendes Paar Schuhe parat. Glückskind.

Tag 2, von Passail auf die Schanz

Im Frühstücksraum erzählt uns die Hausherrin von einer einsamen Wanderin, die auch im Haus übernachtet, aber heute abbrechen wird. Kurz darauf schickt die sich an, an unserem Tisch platz zu nehmen. Noch hat ihr Hintern die Sitzbank nicht berührt, springt sie von bösen Blicken getroffen wieder auf und nimmt  am Nachbartisch irritiert platz: „Guten Morgen“. Die Wirtin versucht zu intervenieren: „Kannst ruhig mitgehen mit den Herren, sooo schnell werden die schon nicht gehen. Probier’s doch noch einen Tag„. Eine peinliche Pause entsteht. „Nana, ich fahr heute wieder heim, ich hab mich überschätzt„. Peinliche Pause prolongiert. Fertigfrühstücken. Wir haben uns gerade als Paradeostösterreicher geoutet.

Glaubst, wär sie gern mitgegangen„, frage ich vor dem Aufbruch meinen Zimmerkollegen. „Na, dann hätt’s ja was gesagt„. Aufbruch, kurzer Halt beim Bankomat, schon kommt eine Wanderin mit übergroßem Gepäck hinterhergewackelt. „Gehst mit?“ „Ja, wenn ich darf„. Klar darf sie. Sie begleitet uns auf die Sommeralm. Bis dahin erfahre ich, dass sie Lehrerin ist und kann mir ein paar Tipps für Mausezahn’s schulischen Umstieg holen. Die Höhenmeter vergehen wie im Flug

Auf der Sommeralm nagelt uns ein Gewitter fest. Der Wirt bietet uns Zimmer zur Übernachtung an, vom Wandern über die Alm rät er uns ab. Recht hat er. Ein Abbruch steht im Raum, der kann aber dank Taxifahrt abgewandt werden. Während wir Serpentinen hoch und runter jagen, versuche ich mit mit der Frage abzulenken, wie hoch das Risiko vom Blitz getroffen zu werden ist, verglichen mit einem Ausflüg über die Leitplanken hinaus. Schon schupft uns die Taxlerin auf der Schanz raus und brettert mit aufheulendem Motor wieder die Serpentinen hinauf. Glückskinder.

Beim Abendessen wird immer wieder thematisiert, ob wir noch doch hätten gehen können, sollen, müssen. Der Abkürzer wird als Betrug oder Schmach interpretiert. Wieder könnte ich mein schlechtes Gewissen gleichzeitig mit dem Zwiebelrostbraten hinterschlucken. Wenn ich denn eines hätte. Am Nebentisch wird ein Taxi für morgen organisiert, der Aufstieg von Mitterdorf auf die Veitsch wird gerne mit dem Taxi unterstützt, sagt auch der Pilgerführer. Wir pilgern aber nicht.

Gut ausgeruht liege ich in der unteren Etage eines Stockbettes. Von oben feixt mich ein gezeichneter Hase an. Irgendwas will er mir sagen, ich komm nicht drauf. Bald darauf schlafe ich den Schlaf der Seeligen.

Tag 3, von der Schanz auf die Rotsohlalm

Vorbei an fruchtlosen Heidelbeerfeldern führt der Weg durch einen Windpark. Georg’s Füße sind mittlerweile von großflächigen Blasen geplagt, er hat eine Heimfahrt mit dem Zug ab Mitterdorf im Sinn. Bis dahin muss er erst einmal kommen, Georg und die Pharmaindustrie geben ihr Bestes. Der Abstieg nach Mitterdorf ist etwas beschwerlich, weil über felsig rutschigen Untergrund. In der Zwischenzeit „ballert“ die Betäubung und legt die Blasen still. Wir liegen gut in der Zeit, kommen um elf in Mitterdorf an. Es wird die weitreichenden Entscheidungen getroffen, dass weder Zug noch Taxi für den weiteren Tagesverlauf gebraucht werden. Also raus aus dem Tal, es liegen sieben Stunden Steigung vor uns, bevor wir die Rotsolalm zur Nachtruhe erreichen wollen.  Natürlich kommt mir ein Wortwitz in den Sinn, aber der ist dann sogar mir zu flach. Und flach ist an dem Tag gar nix, nicht mal die Witze. Anscheinend doch.

Dieser Aufstieg war der beschwerlichste Teil der gesamten Wanderung. Der Gedanke an ein klimatisiertes Zugabteil, das sich in Richtung Wien schiebt kugelt in meinem Kopf herum. Georg hat den Zug sausen lassen und ist weiterhin mit von der Partie. Pause bei Kilometer dreißig. Ich blicke zurück ins gegenüberliegende Tal, am Horizont erkenne ich den Windpark wieder. Ob sie sich drehen, kann ich nicht erkennen. Vermutlich schon, der Wind treibt Gewitterwolken über die Berge. Vor mir ein imposantes Massiv, die Veitsch. Im Moment der Ruhe kondensiert die Erkenntnis der Tour: ich brauch das nicht. Ich kann fünfunddreißig Kilometer am Tag gehen, gerne auch vierzig, wenn nötig, aber ich will es nicht. Die Beine können aber nutzt ja nix, wenn der Kopf nicht will. Ich hab mein Limit kennengelernt und übergangen. Georg’s Ausrüstung und ich sind uns einig: abgesehen von den Höllenqualen, die sich in seinem Schuh abspielen, kündigt sich auch ein Drama an seinen Schuhen an: die Sohle löst sich. Eine Stunde später Ankunft auf der Alm. Wir sind die einzigen Gäste, auf der von zwei Freundinnen betriebenen Alm. Nach dem Schweinsbraten brauch ich noch Energie in rauen Mengen. Ich erkundige mich nach dem  Rahmsterz, den mir die Karte anbietet. „Des ist so a Eigenheit von do. Mit Rahm. Mir schmeckt’s ned„. „Gut, dann nehm ich das und den Schokokuchen„. Nach kurzer Hüttengaudi falle ich in einen ruhelosen Schlaf.

Tag 4, von der Rotsohlalm nach Mariazell

Auf nach Mariazell. Georg hat Sohle und Füße so gut wie möglich mit Leukoplast versorgt. Er sitzt am Bettrand, starrt ungläubig in die offenen Schuhe und murmelt: „Wie soll ich da nur reinkommen?„. Mit Marmeladebrot gestärkt geht es bergab zum ersten Zwischenziel in Niederalpl. Georg’s Füße brauchen eine Pause. Bei einer Rast erkenne ich das Ausmaß des Dramas: es ist kaum zu erkennen, wo die eine Blase aufhört und die andere beginnt. Trockene Stellen zum Kleben sind Mangelware. Mit Schnaps und einem Messer versucht er zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Neue Blasenpflaster, neues Leukoplast, neue Schmerzmittel, er muss irgendwie nach Niederalpl zur nächsten Straße. Auf die Zähne beißen und weiter geht’s. Ich bin tief beeindruckt. Spät aber doch ballern die Schmerzmittel doch dann ist Schluss, die Vernunft gewinnt Oberhand. Georg versucht sich motorisiert nach Mariazell durchzuschlagen, noch zwanzig Kilometer.

Regen und Sonne wechseln sich ab, das Tempo trotz ausgelaugter Beine gut, Heimweh schlägt Müdigkeit. Noch die letzten Serpentinen mit Elan genommen, schon erwarten uns Martin’s Eltern mit Schnaps und Georg mit Flip Flops im Zielort. Die Basilika empfängt mich kühl und gelassen, eine Messe wird gelesen. Dieser Moment der Stille ist eine einprägsame Erinnerung, ich werde zum Pilger und bin ganz bei mir. So außergewöhnlich der Moment ist, so wenig Platz hätte er auf einem Foto. 

Mariazell 2017

„Do muaßt scho auf‘s Liacht aufpassen“, belehrt mich der ältere Herr mit Hut und zeigt über meine Schulter hinweg auf die rote Fußgängerampel. Erwischt, das Warten an einer Kreuzung ohne Verkehr war mir zu öd. Den vermuteten Scherz erwidere ich gern: „I? Nana, des tät i nie“. Seine erzürnte Antwort soll das Motto der Wanderung werden: „Do muaßt di scho hoidn!“ Nach einer Begegnung mit einer grimmigen Verkäuferin mit Besen und einer Baustelle, die Irrwege verursacht, will mir Steyr anscheinend die Laune verderben. Keine Chance, ich komme mit Freunden.

Do muasst di scho hoidn!

Steyr empfängt uns sehr formell

Prolog

Losmarschiert sind wir die 2017er-Ausgabe der Mariazellerwanderung in Florian (Einheimischen verzichten auf das vorangestellte „St.“ und so will ich das auch tun, um nicht noch mehr Aufruhr im Oberösterreichischen zu riskieren). Von ebendort ging es flach dahin bis hierher, nach Steyr. Dazwischen haben sich Äcker, verstreute Vierkanter und Wälder zu einer Landschaft geformt, die ihre gesamte Schönheit nur aus der Vogelperspektive preisgibt. Wir sind aber nicht wegen der Schönheit hier, sondern weil… ja, das ist die Frage, auf die jeder, der in unserer Gruppe unterwegs ist, eine individuelle Antwort hat. Ich kenne sie nicht.

Auch auf die Frage, ob die nicht bezahlten Suppen am Mittagstisch uns oder dem Wirt zur Last gelegt werden müssten, gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Der eine oder andere ist womöglich eh unterwegs um ein Sündenhäufchen abzutragen. Der hat dann stillschweigend die Lässlichkeit mit den Suppen mit nach Mariazell genommen. Als Gruppe und bergab sind wir stark!

Also, die ersten 30 Kilometer haben wir in den Beinen und kehren vorerst nach Wien zurück. Ein Prolog wie aus dem Lehrbuch.

Tag 2, von Steyr nach Maria Neustift

Donnerstags drauf wieder Anreise mit dem Zug nach Steyr, jetzt zählt es wirklich: Abmarsch! Nach anfänglicher Verwirrung geht es steil bergauf zum ersten Schnoppa in Richtung Maria Neustift. Das Hinweisschild zum Physiotherapeuten winke ich als reinen Zufall ab. Ich sollte Recht behalten. Wir sind noch frisch, trippeln die ersten Höhenmeter fröhlich weg und nehmen sogar einen Gipfel mit, der gar nicht nötig wäre.

Es geht wellig auf Bergrücken dahin, vorbei an Windrädern (boah sind die laut!), Kühen und Marterln. Kurz vor Etappenende präsentiert sich Maria Neustift auf einer Anhöhe majestätisch im Sonnenschein. Die Küche in der Unterkunft Pfaffenlehen liegt bereits im Dornröschenschlaf, auch die gesamte Gastwirtschaft in Maria Neustift will nichts von uns wissen. Womöglich eilt uns ein Ruf als hinterhältige Suppendiebe voraus.

Daher schlagen wir uns die Bäuche in der letzten Rast, die gleichzeitig die erste Gastwirtschaft des Tages ist, voll und wutzeln uns die letzten Kilometer abwärts in die Unterkunft und in die Betten. Hach, es geht uns gut.

Tag 3, von Maria Neustift nach Ybbsitz

Wir haben Jon verloren. Nicht erst am Start der zweiten Etappe sondern schon Wochen vor dem Prolog. Er war nicht mehr erreichbar. Alle Kanäle zu ihm, waren versiegt. Dass er sich uns gegenüber lange Zeit als Jon Doe ausgab, machte die Suche nach ihm nicht nur schwieriger, sie blieb erfolglos. So machten wir uns ohne ihn auf den Weg, stets bereit, die Lücke mit In-Mariazell-wartet-er-bestimmt-auf-uns-Witzen vermeintlich aufzufüllen.

Die Etappe von Maria Neustift nach Ybbsitz (Ibbsitz!) war mit 25 km und einer nicht nennenswerten Summe von Höhenmetern als Ruhetag eingestuft. Trotzdem hat sich die Gruppe dazu entschieden, den Weg zurück auf die Originalstrecke motorisiert zurückzulegen (danke Kathi!!). Ehrenhalber sei erwähnt, dass sich Christian nur grummelnd dem Votum beugen musste. Meine Ausrede? Es hat geregnet. Oder so. Erfreulich: Jürgen hat den Terminkalender freigeräumt, aufdass er uns wenigstens einen Tag lang begleiten konnte. Am Maria Neustifter Hauptplatz werden wir persönlich begrüßt („Es seid‘s Mariazölla, gö?“) und mit guten Worten bedacht („Na hobt’s es eh glei g’schofft!„) auf den Weg geschickt. Wohlan!

Während wir feuchtkalte Weiden queren, erkundigt sich Jürgen nach den Gründen für die Wallfahrt/Reise. Hm. Meine kenne ich, die der anderen nicht. Das ist weder gut noch schlecht, aber die Erkenntnis, dass ich es nicht weiß, macht mich nachdenklich. Wie funktionieren wir als Gruppe, wenn wir über diese Dinge nicht reden? Schließlich ist die Wanderung ja das, was uns verbindet. Das WARUM zählt nicht, zumindest hat es kein Gewicht. DASS wir gemeinsam unterwegs sind, ist die kohärente Kraft.

Wir können fünf Tage lang Seite an Seite Zeit miteinander verbringen, im selben Bett schlafen ohne Namen kennen zu müssen. Wer will, darf einsam sein, müssen tut das keiner. Wenn Vorräte zur Neige gehen, wird selbstverständlich geteilt. Dass Jon bis zum letzten Meter gefehlt hat und das immer noch tut, ist ein Indikator für die Gruppe. Sie ist großartig, so wie sie ist.

Zurück auf die Strecke. Der Wind treibt ständig Wolkenfelder über uns hinweg, die dann und wann auch wirklich Wasser lassen. In Waidhofen lässt uns Jürgen eine kleine Stadtführung angedeihen. Lauter „hmm… jo, schen“ und „aha, a Bruckn oiso“ purzeln aus den Mündern. Auch so eine männliche Art, Danke zu sagen. Fotografiert wird hingegen alles mit Hingabe. Immer. Wir sind da konsequent. Dann Mittagessen und die Überlegung, was wir mit dem Überhang an Tagesfreizeit anstellen werden.

Auf dem Weg von Waihofen nach Ybbsitz (Ibbsitz!) stellen sich ein paar Hügel in den Weg. Die machen uns das Leben nicht schwer, aber die Gegend schön. Und davon gibt es hier sehr, sehr, sehr viel. Ich mag das. Das Wetter uns nicht, es wird zunehmend ungemütlich. Der Schnaps, der als Gastgeschenk reihum beinahe gerecht aufgeteilt wird, illuminiert die dunkelgrauen Wolken.

Kurz vor Ybbsitz (Ibbsitz!) kicken wir eine Birne die Straße entlang ins Tal, diese kommt vor der Fleischerei Kainrath, die gleichzeitig Unterkunft ist, zu liegen. Die Assoziation mit dem Buch „Der Knochenmann“ drängt sich auf. Zu unrecht. Essen wollte dort trotzdem keiner. Jürgen nimmt den Bus nach Hause. Danke, dass du dabei warst!

Der Abend wird wohlig, das A-Team haut die Serben mit einem  3:2-Sieg weg. Jon, wo bist du?

Tag 4, von Ybbsitz nach Lackenhof

Der Herbst ist ein talentierter Maler. Vor meinem geistigen Ohr taucht meine Mutter auf. Ohne diese verträumte Feststellung geht sie im Herbst nicht außer Haus. Sie hat ja recht, aber warum muss er ausgerechnet heute ein Aquarell malen?

Seit gestern werden Wetterapps feinmaschig gecheckt. Die allermeisten (und wir haben in der Gruppe wirklich die allermeisten abgefragt) Quellen gehen von Regen aus.  Sie sollten Recht behalten. Gänzlich gegenteilig verhalten sich Messergebnisse diverser Fitnessapps in der Disziplin erklommene Höhenmeter: die Diskrepanzen erreichen großglocknersche Ausmaße. Aber soweit sind wir ja noch nicht. Höhenmeterleistung in Ybbsitz 08:00 Uhr: Null. Nada. Nix.

Wir marschieren also die Eisenstraße den beschaulichen Ort entlang mit dem Tagesziel Lackenhof. Schon bald fordert die Suche nach einem Cache den ersten Halt. Der einsetzende Regen und die Länge der Etappe machen etwas Druck. Die Tatsache, dass wir erst 200 von 31.000 Metern hinter uns gebracht haben, der befürchtete Regen tatsächlich einsetzt und wir an der Adresse In der Noth warten, machen die Lage nicht fröhlicher. Als weder Geduld noch Cache auftauchen, lassen wir beides hinter uns und marschieren los.

Technischer Halt unter dem schützenden Blätterdach einer Linde: Regenhose anziehen. Die anderen. Ich nicht, weil… ja, das überleg ich gerade. Ich hätte ja auch eine, aber halt zu Hause. Optimismus beim Packen trägt Schuld daran, dass sie dort blieb. Es wird schon halbwegs trocken bleiben. Optimismus steht mir einfach nicht. Die Kapuze der Regenjacke auch nicht, trotzdem verkrieche ich mich unter ihr vor dem Regen. Die übergezogenen Plastikschichten über ungeschützte Körperteile und Rucksäcke machen uns zu einer quietschbunten Karawane, die gedankenversunken gen Mariazell zieht. Die Wolken hängen tief ins Gemüt.  

Ich mach es mir in kollektiver Einsamkeit gemütlich. Ändern kann ich das Wetter ohnehin nicht. Es selbst kann das schon:  jetzt schüttet es. Die Nässe kriecht vom Hosenbund schrittweise kniewärts, also doch wieder ungemütlich. Nach Asphalt wieder Wald. Auf dem Weg nach Lunz am See will ein Berg überschritten werden. Mein Optimismus sagt: do samma glei obn. Wie gut ich mich mit dieser Geisteshaltung auskenne, hab ich in der Regenhosefrage hinlänglich unter Beweis gestellt.

Tiefer Boden, Sturm und zur Abwechslung kein Regen. Sondern Graupel. Wir müssen die Skisaison um Haaresbreite verpasst haben. Talwärts gönnen wir uns eine Verschnaufpause im Windschatten eine Hofes. Die Bäuerin bittet uns in die gute Stube, was wir ob der Zeitnot ausschlagen müssen. Um zwei Uhr nachts hätten sie Wanderer aus dem Bett geklingelt erzählt sie schmunzelnd und zieht sich sichtlich frierend wieder in ihre Unterkunft zurück.

Mittagsziel Lunz am See. In Holzapfel treffen wird auf eine Holzäpflerin, die sich nach unserem Ziel erkundigt:  Zum Ötscher? Da liegt ja scho Schnee, do woa i gestern. Also doch Skisaison. Das letzte Stück schlängeln wird die Gleise der Ybbstalbahn die Landschaft entlang. Im Sommer müssten wir uns diese Wildromantik mit Massentouristen teilen. Erstmals freu ich mich darüber, die Wanderung auf den Spätherbst verlegt zu haben.

Lunz am See lassen wir gestärkt und unaufgeregt hinter uns. Ein Schnoppa am See entlang nach Lackenhof lässt sich sehr gemütlich an. Wir liegen besser in der Zeit als geplant, das Sonnenlicht wird reichen. Die herbstliche Schönheit des Weges leidet ein wenig unter der Müdigkeit, wir haben beinahe 30 km in den Beinen. Die sind übrigens wieder trocken, die Regenausrüstungen verstaut, die Sonne scheint.

Ein Skiort wie Lackenhof außerhalb der Saison ist ein trostloses Erlebnis. Vereinzelt trifft man auf Menschen, die orientierungslos scheinen im Dunkel der Hotelbeleuchtungen. Unsere Unterkunft ist die am höchsten gelegene im Ort. Da ich für die Buchung zuständig war, zieht sich der unausgesprochene Unmut über meinem Kopf zusammen. Sie werden morgen beim Aufbruch zum Ötscher ins Tal blicken und mir vergeben. Wer nennt sein Hotel eigentlich „Blümchen“?

Tag 5, von Lackenhof nach Mariazell

Der Blick geht schon voraus ich bleibe zurück. In perfekter Adjustierung starre ich durch den Ötscher zum Ziel der Reise, die Basilika in Mariazell. Fokus auf den wolkenverhüllten Gipfel, da oben schneit es bestimmt. Der Blick wandert bergab zu einem Bergsattel, dort regnet’s nur. Noch bin ich trocken, noch steh ich ungläubig am Fenster.

Es nutzt ja nix. Ich sammle mich und meine Vorfreude auf die Ankunft zu einem Hau-Ruck vor der Unterkunft. Gemma!

Die quietschbunte Karavane schraubt sich eine schwarze Piste den Berg hinauf. Je nach Kraftreserven sind die Serpentinen mal ausladender mal weniger. Auf dem Sattel ist es grausig windig, kalt und regnerisch, es geht bergab. Blödeln setzt ein.

Der gemütliche Teil führt uns durch die Ötschergräben. Obacht, es ist glitschig, Sturm haut uns Regen um die Ohren. Die Gräben werden enger, die angebotenen Handseile kommen mir sehr gelegen. Nächster Motivationspunkt ist die Jausenstation Ötscherhias. Unsere elektronischen Gerätschaften sagen voraus, er habe heute geöffnet. Was gut ist, weil unsere Vorräte zu Ende gehen. Wie weit es bist zum Ötscherhias tatsächlich noch ist, darüber herrscht vage Uneinigkeit zwischen den modernen Gerätschaften. Eh egal, weil erstens liegt er eh am Weg und zweitens nutzt’s ja eh nix. Das Wissen um die Weite verkürzt sie nicht.

Ausgemergelte Ankunft beim Ötscherhias. Der is a Trottl, denk ich mir. Weil der hat heute keinen Betrieb, obwohl die Gerätschaften das einhellig behaupten. Wir kratzen unsere Reserven zusammen um dem Hunger ein Schnippchen zu schlagen. Gemeinsam gesättigt machen wir uns auf den Weg, wieder bergauf, raus aus den Ötschergräben, das Finale erwartet uns.

Es ist nicht mein bester Tag, was Stimmung und Wehleidigkeit angeht aber ja, es nutzt ja nix. Mitterbach, Weißenbach, St. Sebastian, Einflugschneise nach Mariazell. 

Stimmung und Blasen heben sich, ich grinse in mich hinein, hinter der nächsten Kurve die Spitze der Basilika, nein doch hinter der nächsten oder der übernächsten. Schließlich behalte hab ich Recht: wir sind da!

Zufriedenheit strahlt alle Mühsal weg. Ankommen und da sein, mehr ist es nicht, im Moment ist es alles.

Die letzte Einkehr im Goldenen Löwen am Hauptplatz wird in stiller Übereinkunft zur Tradition ausgerufen. Familienmitglieder treffen ein, ein großes Hallo! Nasse Kleidung am Klo wechseln, sich wieder für Körpergeruch genieren, ins Auto steigen und mit ungewohnter Geschwindigkeit zurück in den Alltag.  Beim Abschied ist eines fix: wir kommen wieder. Nutzt ja nix 🙂

Hochschwab. Kein Witz.

Des kommt alles in den Blog!, wird zum geflügelten Scherz für kleine Widrigkeiten unserer Reise. Ich wusste nicht, dass meine schriftlichen Erinnerungen als Pranger wahrgenommen werden. Aber gut, ich nehme das zur Kenntnis und gelobe Besserung. Dass der Abstieg durch ein Flussbett alles andere als angenehm wahr, möchte ich dennoch festhalten. Doch zurück an den Anfang.

Begonnen hat der Tag um 0500 Uhr, 13 Stunden Rundwanderweg liegen vor uns. Die Beine bemerkenswert frisch, der Ruhetag hat sich gelohnt um dem großen, heimlichen Ziel des Wanderurlaubes näher zu kommen: Gipfelkreuz am Hochschwab. Zur Erinnerung, der Annaberg war bisher das Maß aller Dinge. Christian und Georg haben auch diesmal die Planung übernommen. Am Anfang a Schnoppa, dann flach dahin bis zum Gipfel, zeigen sie mir das Tagesprofil. Ich wollte es glauben. Noch schnell die Wasserflasche in den Rucksack gepackt, halbvoll, am Weg gibt es sicher genügend Bächlein. Ich unsagbarer Depp ich.

Die ersten 500 Höhenmeter tun weh, weil ohne Aufwärmen. Ich hänge mich hinten an die Gruppe, Kopf runter, Hirn aus, genießen, aufsaugen, du wirst noch lang dran denken, geht mir durch den Sinn. Beim ersten Schnaufen kurzes Innehalten, Blick nach unten. Ein schwarzer Pudel im Augenwinkel. Weiter. Nur Minuten später mache ich Platz, damit er mich überholen kann. Beide im Laufschritt. Wie der Herr, so es G’scher. Vermutlich als Pre-Frühstücksaufwärmübung vor dem Aflenz-Megathlon.

Nach einer Stunden sind wir oben, erste Pause, Christian sucht einen Cache, ich Erholung. Von nun an geht es tatsächlich für ein paar Kilometer auf Bergrücken entlang, gemächlich bergauf. Den ersten überquerten Schnee finden wir noch lustig. Gämsen und Steinböcke sagen sich hier oben Gute Nacht und lassen sich aus sicherer Distanz beobachten. Sicher für sie. Ich trinke nur noch wenig, Wasser wird knapp. Keine Bäche auf Bergrücken. Überraschung!

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Jede Wanderung ist ein Stück Weg zu sich selbst, oder so. Das klingt viel pathetischer als es zumeist ist. Wenn die Umstände passen, stimmt es aber. So lasse ich mich zurückfallen und bleib mit mir allein, in Wolken wandernd, singend, sinnierend. Ich bastle an Stefan Schwab – Hochschwab-Wortwitzen, vergeblich. An einer Kante genießen wir den Ausblick. Kein Zivilisationslärm. Gleich nachdem ich das gebrabbelt hab, ist es auch wahr: Stille, Windgeräusch, Weite. Wie so eine Waage, die von Zeit zu Zeit geeicht werden muss, erlebe ich den Moment. Wo ist Wasser?

Wir müssen ein massives Schneefeld queren. Gibt’s da eigentlich Lawinen?, will Christian wissen. I glaub ned, mehr Zuversicht gelingt mir nicht. Der Schnee ist matschig, die Schuhe nass, bald auch die Socken. Erste Zweifel ob der Machbarkeit formieren sich aus fehlender Courage. Die sprechen wir uns gegenseitig zu, der Zeitplan steht noch. Das Gipfelkreuz auch, aber halt nicht in Sichtweite. Gegenseitige Aufmunterungen. Wir müssen da rauf. Sind wir erst mal beim Schiestlhaus, schaut die Sache schon anders aus. Es befindet sich ca eine halbe Stunde unterhalb des Gipfels. Bitterer Geschmack im Mund, Wasser aus.

Ich kann keine Schneefelder mehr sehen, ich will keine Schneefelder mehr sehen, ich hab Höhenangst und keinen Bock so knapp vor dem Ziel aufzugeben. Dann endlich das Schiestlhaus. Geschlossen. Also die letzten Höhenmeter ohne Erfrischung. Ich habe Durst. Ich will nicht mehr, die Schritte werden kleiner, der Weg verkommt zum Geröllfeld, ich zieh mir die Serpentinen selbst. Charakterbildung.

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Oben. Endlich. Bezwungen. Mich, den Berg. Gemeinsam. Christian sucht einen Cache. Alles rundherum ist unter mir, ich such einen Stein, der mit runter muss. Als würde ich mich nicht auch so erinnern können.

Beim Abstieg fülle ich meine Flasche an einem Bächlein auf, der bittere Geschmack löst sich auf, herrlich! Der Weg hinunter ist mäßig lustig. So viel Schnee und Geröll. Die Voisthaler Hütte erreichen wir erschöpft am Nachmittag. Christian sucht einen Cache. Der restliche Weg zurück zum Auto ist geprägt von einem Gefühl der Erleichterung, sich ausbreitendem Sonnenbrand und Tratschereien über zwiderne Twitteranten.

Die absoliverte Runde ist bestens geeignet ist für eine zwei-Tages-Tour. Sagt der Reiseführer. Wir drei haben das vor der Tour gelesen, überlesen und es erst nach dem kräfteraubenden Tschoch realisiert. Geblieben ist eine tiefe Erinnerung an eine wunderbare Runde mit zwei wunderbaren Freunden. Gemeinsames Schweigen ist eine Kunst, die nicht jedem gelingt. Boys, you are great! Das kommt erst recht in den Blog.

 

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Ruhetag

Tag zwei empfängt mich mit einem veritablen Laktatüberhang und Sonnenschein. Für Tag drei ist mittlerweile die Königsetappe geplant, rauf auf den Hochschwab himself. Keiner von uns wollte wieder heimfahren und gestehen müssen, nicht oben gewesen zu sein. Die beiden Planer sagen eine Wegzeit von ungefähr zwölf Stunden voraus, quasi Leistungslimit.

Deshalb und weil wir noch die blaue Route offen haben, fällt die Wahl für heute auf die Bürgeralm, den Aflenzer Hausberg. Babysch, dachten wir, weil blau.

 

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Auf dem Weg hinauf treffen wir auf einen alten Mann, der mit der Sense zu Gange ist. Ob wir aus dem Heim wären, will er wissen. Um zu verstehen, was er damit meint, muss man sich ein wenig im Aflenzer Kaffeehaus umsehen: Dort zwinkern sich überbeleibte Menschen in geduckter Haltung zu, wie es Undercoveragenten im Kalten Krieg am Checkpoint Charly taten. Nur geht es diesmal um verdeckte Kalorienaufnahme. Aflenz ist ein Kurort, Spezialfach aus-den-Fugen-geratener-Metabolismus.

Der Weg aufwärts ist eigentlich recht gemächlich. Ich hab mich dran gewöhnt, dass Wanderwege die direkte Verbindung zweier Punkte sind, die nur widerwillig Serpentinen ausbilden. Nur und ausschließlich dann, wenn sich ihm ein massiver Fels in den Weg legt.

So lassen wir die Mautstraße unter uns und steigen auf. Am Plateau angekommen macht sich Enttäuschung breit. Das Skigebiet liegt noch im Dornröschenschlaf und macht keine Anstalten für ein paar Wanderer und traumhaftes Wetter diesen zu unterbrechen. Jause vertagt.

 

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So widmen wir uns den Highlights: ein sogenannter Skywalk, Aussicht auf viel Gegend und eine Paragleiterstartrampe. Auf den Gipfel verzichten wir, der Weg über eine Skipiste ist nicht sooooo prickelnd. Abgesehen davon wollten wir den Oberschenkeln etwas Ruhe vor dem morgigen Sturm gönnen. Also abwärts.

Den hiesigen Koch im hiesigen Hotel haben wir gerade verpasst. Aber die Kellnerin hat sowas im Urin, das sie vermuten lässt, dass das Gasthaus am Ende der Ortschaft noch offen haben könnte. Wir müssten nur über die Kreuzung drübaschiaßn. Ich geb’s zu, das Raubein hat Eindruck bei mir hinterlassen. Nicht nur, weil sie Recht hatte mit ihrer Vermutung.

 

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Christian ist Groundhopper. Kein Spiel im Umkreis von drei Autostunden entgeht ihm. Also auf nach Frohnleiten zur Abendgestaltung. Der hiesige S.C. empfängt Leoben. Es geht dabei sportlich um nichts mehr, der Abstieg ist besiegelt. Näixte Saison kemma zu den Geigna zFuaß gei, weiß ein Schlachtenbummler nicht, ob er sich darüber freuen oder ärgern soll. Für uns geht es um einen wunderprächtigen Abend bei einem sehr unterhaltsamen Sommerkick. Netter Platz und sportlicher Ehrgeiz auf den Rängen, dem wir uns mit Schnitzelsemmeln, Bier und billigen Witzen fügen. Besser geht’s nicht.

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Fölzstein

Das sind die letzten Regentropfen bis zum Ende des Urlaubes, prognostiziert Christian grinsend und dirigiert die Limousine in den Fließverkehr. Wir stauen aus Wien raus, Urlaub am Hochschwab ist der Plan. Genauer gesagt Wanderurlaub. Kurz vor der Ankunft besorge ich noch das Abendessen der Herrenrunde: Spaghetti mit Fertigsugo. Klischee kann ich.

Wir beziehen das Apartment, die Dame des Hauses berät uns in aller Gastfreundschaft über eine mögliche Wandertour:  Ihr könnt auf die Fölzalm. Eine der beiden Hütten wird bewirtschaftet. Und dann, sie mustert uns, wie gut seid’s denn beinand? Auch wir mustern uns. Unsicher rücken wir raus mit der Sprache: So 30 Kilometer am Tag schaffen wir schon. Eine peinliche Pause entsteht. Ich frage mich, ob wir uns disqualifiziert haben. „Aber im Flachen, oder? Na egal, wenn ihr es schafft, könnt ihr danach noch auf den Fölzstein rauf. Wir würden dort Gämsen und Steilwände sehen, also inneralpines Feeling.

Nun trifft auch Georg ein und macht die Seilschaft komplett. Pläne zur ersten Wanderung schmieden Georg und Christian, ich genieße meine verantwortungslose Rolle dabei. Zur Auswahl stehen eine blaue und eine rote Route. Entscheidende Argumente lassen sich nicht auftreiben, also überlassen wir einer höheren Macht die Auswahl: dem Wetter. Gute Nacht.

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Am Morgen kein Regen, also die rote Route. Wir sind als Gruppe die Niederösterreichischen Voralpen gewohnt, Gipfelkreuze kennen wir sehr genau. Aus der Fernsehsendung Land der Berge. Wir durchsteigen die Klamm, alles recht pomale. Das Tal öffnet sich und gibt den Blick auf einen massiven Felsen frei. Miassma do auffe?, fragt jemand. Na, bestimmt ned!, die Antwort. Vor meinem geistigen Auge lege ich die Marschroute über meinen Ausblick, interpoliere, plausibilisiere und komme zur Erkenntnis: Naajooooo. Des könnt schon sein, dass des der Fölzstein is. Oba mir müssen ja ned unbedingt rauf. Außerdem eh nur a Schnoppa. Niemand lacht.

Der Wanderweg beginnt sich seiner alpinen Umgebung zu besinnen, er wird steiler und felsiger. Wir machen einem entgegen kommenden Quad Platz. Der Fahrer quält sich im Schritttempo nach unten, sein ausgleichender Oberkörper versucht den Schwerpunkt unter den Rädern zu behalten. Am Vortag ist das dem Almwirt der zweiten, heute geschlossenen, Hütte nicht gelungen. Frage nicht.

Wir pausieren, ziehen eine Schicht Regenjacke auf, der Wind is a Hund. Gleichzeitig erreichen uns zwei Pärchen, isses noch weit rauf? Die Antwort geht akustisch im Scheppern der Bronchien seiner Freundin unter. Ungläubige Blicke huschen durch die Gruppe. Das Mädel stapft vorüber i huast eh nur, wenn i steh. Die Gruppe lässt uns konsterniert zurück, der Freund des Mädels murmelt beim Vorbeigehen wenigstens is leicht zum Owetrogn.

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Auf dem Weg hinauf überholen wir die Gruppe nochmal. Fetzenweise hören wir ein Streitgespräch mit, irgendwas mit nur dir zuliebe! Ich kann mir eine zynische Wortmeldung nicht verkneifen. Plötzlich bin ich das Arschloch.

Endlich auf der Alm mit Hütte. Zwei Steirer bitten uns an ihren Tisch. Dass ich ein Shirt mit der Aufschrift Make Rapid great again trage, gefällt dem Sturmanhänger gegenüber nur bedingt. Ich nehme es gleich vorweg: wir sind keine Freunde geworden. Und das obwohl ich ihm einen Punkt von Herzen vergönnt hätte, wenn sie sich halt einmal bemühen. Wir bleiben uneinsichtig.

Nach flüssiger Stärkung also rauf auf den Fölzstein.  Dou gehst oafoch duach die Latschn durch, geben uns die Grazer mit auf den Weg. Und Hinweise für das Geröll. Was wir erst nach dem Rückkunft erfahren werden: die beiden lustigen waren selber noch nie oben.

Es war schwierig, sehr schwierig. Stürmisch, steil und in der Hütte gäb es Schweinsbraten. Es war ein intensiver Aufstieg, totes Tierfell und Hinweise auf verunfallte Wanderer einerseits, Ausblick und Grenzverschiebung andererseits. Stellenweise mussten wir auf allen Vieren schwierige Passagen überwinden, der Gedanke an den Abstieg macht mich bang. Aber jetzt aufgeben? So knapp vor oben? No way.

Zwar sagt der Plan, dass es noch 200 m Luftlinie sind, aber ich sehe nur Berg vor und über mir. Wie soll sich das ausgehen? Plötzlich oben, der Gipfel ist kein Gipfel sondern eine flache, bemooste Mondlandschaft. Das Gipfelkreuz! Mein erstes. Als ich wieder ruhig atmen kann, macht sich Ruhe breit, Friede, Erleichterung. Glückshormone gone wild.

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Der Abstieg gestaltet sich dann doch einfacher als befürchtet. Beseelt, hungrig und müde wieder zur Grasserhütte. Wo wir von den Grazern als die Weana Baaadse empfangen werden. Auch den dritten Hinweis darauf, dass eigentlich nur einer von uns dreien aus Wien kommt, will er nicht verstehen. Gut, er glaubt ja auch heute noch, dass Karl Merkatz ein Deutscher ist.

Gestärkt geht es nun zum Ausgangspunkt der Wanderung zurück, die im Kurpark bei Kaffee, Eis, Krokant, Schoko, Florentiner, Nussknacker, Chips und Bier einen würdigen Abschluss findet. Am nächsten Tag wird uns die Hausherrin danach fragen, ob wir tatsächlich auf dem Fölzstein waren und mit einem wortlosen Nicken ihre Anerkennung ausdrücken. Hochschwab, be afraid!

 

Der Schnoppa

Schnoppa, der. Beschreibt eine Erhebung oft unbekannten Grades, die sich dem Wanderer entgegen stellt. Erstmals erwähnt wurde er während einer mehrtägigen Pilgerreise von Wien nach Mariazell. Urkundlich erstmals erwähnt: jetzt.

Der Schnoppa führt ein schizophrenes Dasein. Einerseits ist er Ziel des Wanderers, gleichzeitig sein natürlicher Feind. Abgeleitet vom Hochdeutschen „Schnapper“ zeigt sich der Schnoppa in den verschiedensten Ausprägungen. Vom kleinen Felsen bis hin zum ausgewachsenen Berg.

Verwendung findet die Bezeichung in verschiedenen Formen. Schon in der Tourenplanung taucht er auf: mit einer wegwischenden Handbewegung wird er klein geredet: ah, des is a klana Schnoppa, den hauma glei. Während der Wanderung lügt sich die Seilschaft auch gerne gegenseitig damit in die Tasche, hauma glei, des wird nur a klana Schnoppa. Obwohl jeder weiß, dass er nicht klein ist und schon gar kein Schnoppa sondern der Grund, für Schmerzen, Tränen und Bänderentzündungen ist. Diese Wahrheit spricht man aber auf keinen Fall an. Niemals nicht. Wandererehrenkodex.

In Ausnahmefällen, nämlich wenn die Relation von zu erwartendem Kraftaufwand zu den zur Verfügung stehenden körperlichen Kräften  exorbitant lächerlich erscheint, und die Lage quasi aussichtslos ist, schiebt man der Erwähnung des Schnoppas noch gerne ein hysterisches Kichern hinten nach.

Aber sei es drum: kein Preis ohne Schweiß, keine Wanderung ohne Schnoppa. Oben angekommen, war er -im Nachhinein gesehen- gar nicht so schlimm: Wandererehrenwort.

Rund um Wien: Etappen 2 bis 5

[aesop_timeline_stop num=“Etappe 2″ title=“Vom Cobenzl zum Häuserl am Roan“]

Die Buslinie 38A hat uns auf das Cobenzl gebracht. Es schifft unaufhörlich. Das wussten wir schon am Vortag, aber das Motto war bei Schönwetter kann ja jeder und mir san jo ned aus Zucker. Aus Teflon aber auch nicht. Christian zieht mit dem Selbstverständnis eines Weitwanderers den Wetterfleck über. Ich halte mich prinzipiell für zu cool für solch einen modischen Fehltritt in Plastik, mit Heldenstatus lässt sich das nicht vereinbaren. Aber Christian macht es mir vor: Schönheit muss leiden. Na gut, also leiden wir halt: Wetterfleck überstülpen. Meine Frau hat ihn mir vor Mariazell wohlwollend in den Rucksack gesteckt. Dass ich Rucksäcke prinzipiell nie leerräume macht sich jetzt bezahlt. Los geht’s auf die ersten paar Kilometer. Geplant sind zwei Etappen, danach Essen, dann Fußball in Hütteldorf.

Arbeiter in Pause

Arbeiter in Pause

Der Weg ist unspektakulär weil waschlnass.  Wir haben Unmengen an Tratsch auszutauschen, der Weg ist beiläufiges Nebenwerk. Wald, Aussicht, Blätter, Steine und -öha!- ein Retro-LKW, der sein Wochenende am Wanderweg  verbringt, ab Montag wird er wieder Bäume schleppen müssen.

Wir kreuzen Etappe 1 bei der Kreuzeiche und marschieren stramm Richtung Jägerwiese. Den Abstecher zum Agnesbrünl ersparen wir uns. Ich war im Sommer dort und wär ich nicht zu faul gewesen, ich könnte jetzt auf einen Blogpost verweisen. Kann ich eben nicht.  Also entlang der Wien-Niederösterreichischen Grenze deute ich nach rechts: „do unten warad es Agnesbrünl“. Ich muss endlich den Blogpost machen.

Vorbei an der Hubertuswarte, dem topologischen Höhepunkt der Etappe. Auch da wär ich schon gewesen habe aber nicht darüber gebloggt. Vermutlich hab ich das schon erwähnt. Mittlerweile hat der Wettergott ein Erbarmen mit uns und wir bleiben auch auf Lichtungen trocken. Der Wind ist stark böeig. Nach der Hubertuswarte Abstieg zum Griaß di a Gott-Wirt. Dort wieder Aufstieg zum Häuserl am Roan am Dreimarkstein. Auch das Häuserl am Stoa wäre in Reichweite gewesen. Wer in Wien tschechern will, muss hart um Ausreden ringen, wenn er es nicht tut.

 

[aesop_chapter title=“Etappe 3″ subtitle=“Vom Häuserl am Roan zur Marswiese“ bgtype=“img“ full=“on“ img=“https://www.kramure.at/blog/wp-content/uploads/2017/03/DSC00046.jpg“ bgcolor=“#888888″ revealfx=“inplace“]

 

 

[aesop_timeline_stop num=“Etappe 3″ title=“Etappe 3″]

Pause aufgeschoben, wir gehen in Richtung Hameau. Dabei kann ich endlich mit meinem angelesenen Buchwissen das Gescheitloch raushängen lassen. Das Hameau, wie es sich jetzt präsentiert, ist ein einsames Überbleibsel aus einer belebten Zeit. War hier früher ein holländisches Bauerndorf angesiedelt, ist das Plateau heute unbewohnt, alle Gebäude sind entfernt. Abgsehen von einem einstöckigen Unterstand. Was tun holländische Bauern im Wienerwald? Der Herr Lacy (ein irischer Graf) hat sich eine größere Liegenschaft in Neuwaldegg recht günstig bei der Frau Maria Theresia erstanden und dann nach englischem Vorbild umgestaltet. Günstig deshalb, weil er mit einem Sohn von Frau Theresia gut befreundet (zwinkerzwinker) war. Sagt man. Also man sagt sogar, dass es Belege dafür gibt. Sei’s drum.  Das Hameau war eben Teil der Liegenschaft. Und weil er sich gern mit der Kutsche zum guten-alten-Bauernleben bringen lassen wollte um dort die gute-alte-Bauernzeit zu leben, hat er ein Bauerndorf anlegen lassen. Wild interpretiert behaupte ich, dass Graf Lacy nichts anderes als ein Bobo des 18. Jahrhunderts war. So.

Ares Ludovisi bei der Marswiese

Ares Ludovisi bei der Marswiese

Bis in die 1960er-Jahre befand sich ein Gasthaus am Hameau. Teschechern geht immer. Heute wirkt die Schutzhütte wie ein Setting aus dem Blair-Witch-Project. Abstieg zum Schwarzenbergpark, erstmals wieder Asphalt. Dann bald Marswiese. Die übrigens -Achtung Gscheitloch- heißt so, weil da ein Denkmal des Kriegsgotts Ares herumsteht. Es nennt sich „Ares Ludovisi“. Ares, Mars … na eben.

Da wären wir dann beim geplanten Ende des Tagespensums. Es ist aber noch viel zu früh, wir nicht durchnässt und auch nicht hungrig, also gehen wir weiter. Der Plan, Hütteldorf zu Fuß zu erreichen, nimmt Formen an.

[aesop_chapter title=“Etappe 4″ subtitle=“Von der Marswiese zum Steinhof“ bgtype=“img“ full=“on“ img=“https://www.kramure.at/blog/wp-content/uploads/2017/03/DSC00103.jpg“ bgcolor=“#888888″ revealfx=“off“]

 

[aesop_timeline_stop num=“Etappe 4″ title=“Etappe 4″]

 

 

Etappe vier steht unter dem Motto „Much Gatsch!“. Es ist wirklich nicht schön. Die Schönheit und Eleganz des Wegs rauf zum Schottenhof ist überschaubar. Auf dem Weg zur Jubiläumswarte queren wir die Kreuzeichenwiese, hier ist es besonders stürmisch. Das Ächzen der Bäume lässt mich an meiner geistigen Integrität zweifeln. Den Gallitzinberg -im Volksmund auch Wilheminenberg genannt- haben wir für ca 30 Minuten im Blick, bevor sich auf der Vogeltennwiese die Jubiläumswarte vor uns aufbaut. Nicht schön. Ein Eisentürmchen, das an einen rachitischen Phallus erinnert. Ursprünglich stand die im Prater und wurde mangels Verwendungswille von dort auf den Gallitzinberg verbracht. Der Aufzug hat es nicht mit geschafft, so muss man heute zu Fuß rauf.

Zuvor befand sich eine Holzvariante an dieser Stelle, die zu Ehren des 50-jährigen Regierungsjubiläums von Kaiser Franz Joseph errichtet und vom christlichsozialen Bürgermeister Lueger eingeweiht wurde. Diesen Tag wird er sich wohl lange gemerkt haben, weil zur Einweihung eine Arbeiterschaft angerückt war, die dem Bürgermeister nicht wohl gesinnt war. Daraufhin wurde die Feier unter Polizeischutz in ein Gasthaus verlegt. Obendrein stürzte die Holzwarte ein Jahr später ein.

Die neue Version aus Eisen steht auf historischem Untergrund: während des Zweiten Weltkriegs war der Gallitzinberg Zentrale der Flakabwehr Wiens, die in einem Bunker untergebracht war. Der Eingang ist mittlerweile zugesprengt, um nicht länger als Ort des Totentanzes für Geschichtstrottln zu fungieren.

Der Wienerwald ist ein Ort, der Geschichte atmet. Das war mir nicht bewusst. Skisprungschanzen, Bombentrichter, Bunker, Zahnradbahn und sogar eine Bobbahn verstecken sich quasi „in plain sight“. Man muss nur hinsehen. Die angesprochene Bobbahn haben wir auch benutzt. Zu Fuß und unwissentlich. Von ihr hab ich erst nach der Wanderung gelesen. Verrückt.

Bei der Feuerwache am Steinhof angekommen wird der Plan, Hütteldorf zu Fuß zu erreichen, Realiät. Wir gönnen uns noch eine Etappe.

[aesop_chapter title=“Etappe 5″ subtitle=“Vom Steinhof nach Hütteldorf“ bgtype=“img“ full=“on“ img=“https://www.kramure.at/blog/wp-content/uploads/2017/03/DSC00129.jpg“ bgcolor=“#888888″ revealfx=“off“]

[aesop_timeline_stop num=“Etappe 5″ title=“Etappe 5″]

 

Langsam macht sich Verschleiß bemerkbar, meine Beine werden müde, ich habe keinen Bock mehr auf Fotografieren. Die letzte Etappe sollte ein Opfer sein, das wir am Altar des Fußballgottes darbringen um drei Punkte für unsere grün-weißen Propheten zu erbitten. Wir haben uns bemüht, ehrlich. Es ging zwar nur bergab, aber wir haben uns nicht von umgestürzten Bäumen, übermenschlichen Sturmböen, einsetzendem Regen, nicht-und-nicht-auffindbaren Geocaches und sonstigem Unbill davon abhalten lassen, mit großem Pomp und Trara an der neuen Spielstätte in der Keißlergasse all unser Bitten und Flehen in den Staub hinzuwerfen, auf die Knie zu fallen, die Arme gen Himmel zu strecken und mit dem jämmerlichen Rest an Kraft in der Stimme zu greinen: „Schenk uns diese drei Punkte!“

Es wurde nur ein Unentschieden. Nicht auszudenken, wir wären nur die geplanten zwei Etappen gegangen.

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Rund um Wien – Etappe 1

Einmal um Wien herum gehen. Zum ersten mal hab ich als Kind davon gehört und geträumt. Dass das zwar möglich, ein Tag dafür aber schon sehr knapp bemessen sei. Die Quelle dieser wahnsinnigen Idee kann ich nicht mehr nennen. Jedenfalls lag sie falsch. Es dauert zirka 120 km. Wie lang auch immer man dafür braucht, aber ein Tag ist dafür eindeutig nicht ausreichend. Die Stadt Wien teilt die Strecke in 24 Etappen. Die erste hab ich mit Rana (Name der Redaktion bekannt) hinter mich gebracht.

Leopolds Berg

Startplatz Nussdorf quasi Donaufritzi. Die Donau entlang bis zum Kahlenbergerdorf, dort den Nasenweg rauf auf den Leopoldsberg. Das klingt jetzt so einfach: rauf. Schneetreiben, Minustemperaturen und ausgefuxte Eisplatten machen das ganze zu einem ausgewachsenen Aufstieg. So. Wer konnte im Winter auch mit sowas rechnen?

Wären wir ein Jahrhundert früher dran gewesen, wir wären möglicherweise mit der Zuckerlbahn raufgefahren. Es gab eine Standseilbahn und eine Zahnrahdbahn auf die Wiener Hausberge. Die eine hat kurz vor dem Halt gezuckt, die andere hat bei der Abfahrt heftig geruckt. Das klingt jetzt nach einem Gschichtl, aber es ist trotzdem wahr. Jedenfalls wurde die zuckende verkauft an die ruckelnde. Beide gibt es heute nicht mehr. Irgendwie hat die Zuckerlbahn jedoch überlebt: als sie im Tal abgebaut wurde hat man Teile von ihr für den Aufbau der Stefaniewarte wiederverwendet. Später Sieg.

Zurück zu unseren wackeren Bestrebungen eine senkrechte Eislaufbahn hinaufzurutschen. Die Anlage auf dem Leopoldsberg ist geschlossen, weil Baustelle. Vor etlichen Jahren war ich dort Gast einer Hochzeit, meine Erinnerung daran ist so verblasst wie der Blick aufs nebelige Wien. Die Ehe ist mittlerweile auch eine Baustelle.

Kahlenberg

Rüber zum Kahlenberg, der übrigens früher Sauberg hieß. Der Leopoldsberg dafür Kahlenberg. Umbenannt wurden beide, weil ein Leopold an einem Kriegsschauplatz mit einer baulichen Huldigung versorgt werden sollte. Wie gesagt: heute alles Baustelle.

Unsere emotionale Nagelprobe war ein Linienbus mit laufendem Motor, dem wir widerstehen mussten. Dem Schneetreiben trotzend ziehen wir die Kapuze noch tiefer ins Gesicht, stemmen uns vehementer gegen den Sturm und lassen den Bus rechts liegen. So muss es Odysseus ergangen sein. Was für ein tapferer Mann.

Abschluss

Vorbei am Klettergarten hin zur Kirche St. Joseph. Erster Halt zum Teetrinken. Der Sturm hat nachgelassen, den Weg zur Aussichtsplattform sparen wir uns, Wolken sehen von innen sehr unspektakulär eintönig aus. Wir wandern also frohen Mutes weiter zum Cobenzl. Frischer Schnee, klare Luft, der Aufstieg hatte sich gelohnt. Beim Gasthaus am Cobenzl lassen wir den Nachmittag bei Plausch und Trank ausklingen. Ein perfekter Einstieg in einen Kindertraum.

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Via Sacra: von Annaberg nach Mariazell

Last stand

Letzter Tag, letztes Aufgebot. Die schwierigste Herausforderung am letzten Tag sollte nicht der Weg selbst sein, nicht das Verdrängen von physischem Schmerz. Es ist die psychische Belastung. Aber erst Frühstück, das letzte gemeinsame. Ich erfahre das Raubermärchen der letzten Nacht. Es hatte wohl mit hochprozentigem Alkohol, einer aufgebrachten Meute, die einen Mitgänger unter frenetischem Gejohle zur Höchstleistung anstachelte, etwas Voodoo und Blasen. Aber mir wird nur ein Teil der Wahrheit zugemutet. Sie haben mich gern.

Dann also raus mit uns. Da erkenn ich schon die angesprochene psychische Belastung am gegenüberliegenden Gehsteig. Sie strahlt uns an. Sie mit ihrem überheblichen Gegrinse, das ich noch von Tag 2 kenne, als sie mir einen plumpen Annäherungsversuch andichtet. Was sie halt nicht wissen kann: ich nähere mich weder plump noch erfolglos an. Da war wohl der Wunsch der Vater des Gedanken. Na gut, sie fragt, ob sie „eh“ mit uns mitgehen kann. Keiner wagt die Verneinung. Ob aus Angst oder aus Höflichkeit, darüber wird noch heute diskutiert.

Es geht etwas wellig dahin, aber so richtig frei hat den Kopf niemand für die Landschaft. Kopf nach unten und versuchen in der Gruppe zu sein, in der sich das überhebliche Gegrinse gerade nicht befindet. „Wann schleicht sich die endlich“ raunt es mir zu. „Am Berg gebma ihr an Schubser“ wird intrigiert. Vergeblich, wir schleppen sie mit. Ich erfahre allerhand tolle Sachen über sie. Wie toll sie halt ist.

Dann verlieren wir sie und kein Wort mehr darüber. Wir sind wieder wir, die gemeinsame Gruppe. Die letzten Kräfte werden mobilisiert. Wieder die Suche nach der Basilika hinter der nächsten Kurve oder der nächsten oder der übernächsten. Es zieht sich. Wir sind als Gruppe weggegangen und werden als Gruppe ankommen. Mit allen Psychoschmähs, die uns einerseits einfallen und auf die andererseits willig hereingefallen wird.

Einzug in Mariazell im Regen, endlich. Die Gruppe verliert sich, jeder sucht sich selbst und geht dem Moment nach. Gemeinsam allein sein.

Die Struktur verliert sich und findet sich in einer neuen bei der gemeinsamen Jause mit den liebsten, die uns abholen. Großes Hallo beim Kennenlernen, wieder sammeln und den Alltag ins Leben lassen. Schön und doch grausam.

So weiß ich, dass der Moment kommen wird, in dem mir die Stimmung, die uns tagelang getragen hat, wieder ins Gemüt strahlt und ich weiß: ich muss weg!

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