Mariazell 2018

„Miad schaust aus“, begrüßt mich Fabian. Es ist ein zweifelhaftes Kompliment und richtig. Die Wallfahrt nach Mariazell hat ihre Spuren in meinem Gesicht hinterlassen. Wobei Wallfahrt nicht ganz stimmt, es war eine sportliche Herausforderung: 130 km mit 5000 Höhenmetern in 4 Tagen. Dagegen waren die ersten Gehversuche vor 3 Jahren ein lupenreiner Lercherlschas.

Christian und Martin haben mir heuer den Luxus gegönnt, mich nicht, aber auch gar nicht um die Organisation kümmern zu müssen. Und ich hab mir mit dem großen Löffel gegönnt. Keine Streckeneinteilung, keine Unterkunft kein gar nix musste ich aufstellen. Nur die Terminvereinbarung, die ging aber vergleichsweise geschmeidig. Noch so ein Vorteil, dass die Austria die Saison verkackt hat.

Jedenfalls hab ich in der Vorbereitung etwas von Graf Meran, Hoher Veitsch und Hüttenschlafsack gelesen. Auch, dass der Grazer Weg kein Zuckerschlecken sei. Pillepalle, wir sind ja im Training. Drei Tage vor Abfahrt schau ich mir die GPS-Tracks an, setz mich hin und frage mich ungläubig, ob wir denn a bisserl deppert wären.

Die Wahrheit liegt bekanntlich am Weg und die Beantwortung der Frage war ohnehin zu Fuß zu klären. Also setz ich mich einen Flixbus in Richtung Graz. Meine Sitznachbarin ergeht sich in ausladendem Telefoniergehabe. Stoisch stopfe ich Kopfhörer ins Ohr und bereite mit maximaler Lautstärke und CivilWar von GunsnRoses dem Gefasel von nebenan ein Ende: „What we’ve got here, is failure to communicate

Tag 1, von Graz nach Passail

Es ist ein Feiertag also wird etwas in der Basilika von Maria Trost gefeiert. Als Pilger müsste ich teilnehmen, als Sportler fotografiere ich das Treiben wie alles Außergewöhnliche am Wegesrand. Das Wetter meint es gut mit uns. Vorausgesetzt, man mag gleißende Sonne.

Es geht gleich hügelig los, eine Flachetappe ist mir nicht vergönnt. Bald tut sich der Hausberg der Grazer Sportler aus dem Dunst hervor, der Schöckl. Eine Gondelfahrt kostet 7,20 und ich wär dafür, dass wir hinauffahren. Ich mag jetzt nicht verraten, wer uns den Vorschlag eingebracht hat, aber ich habe mich dafür ausgesprochen. Gut ausgeruht genießen wir die Mittagssonne im Gastgarten eines Gipfelwirtes. Ein schlechtes Gewissen musste ich nicht runterschlucken, ich hatte keines. Beim nordseitigen Abstieg erkennen wir bereits das Tagesziel Passail in der Ferne. Der Pilgerweg dorthin führt über einen  zweistündigen Umweg auf Asphalt. Normale Wanderer gehen diesen laut Beschilderung nicht. Würde in Arzberg nicht ein Blasmusikkonzert zum Laben einladen, hätte der Umweg genau nichts an Vorteilen anzubieten, hat er aber. Kurz vorm Tagesziel verliert Martin die rechte Sohle, findet in Passail aber ein Jahr zuvor eine verschollene Verwandtschaft. Die hat dann zufällig noch ein passendes Paar Schuhe parat. Glückskind.

Tag 2, von Passail auf die Schanz

Im Frühstücksraum erzählt uns die Hausherrin von einer einsamen Wanderin, die auch im Haus übernachtet, aber heute abbrechen wird. Kurz darauf schickt die sich an, an unserem Tisch platz zu nehmen. Noch hat ihr Hintern die Sitzbank nicht berührt, springt sie von bösen Blicken getroffen wieder auf und nimmt  am Nachbartisch irritiert platz: „Guten Morgen“. Die Wirtin versucht zu intervenieren: „Kannst ruhig mitgehen mit den Herren, sooo schnell werden die schon nicht gehen. Probier’s doch noch einen Tag„. Eine peinliche Pause entsteht. „Nana, ich fahr heute wieder heim, ich hab mich überschätzt„. Peinliche Pause prolongiert. Fertigfrühstücken. Wir haben uns gerade als Paradeostösterreicher geoutet.

Glaubst, wär sie gern mitgegangen„, frage ich vor dem Aufbruch meinen Zimmerkollegen. „Na, dann hätt’s ja was gesagt„. Aufbruch, kurzer Halt beim Bankomat, schon kommt eine Wanderin mit übergroßem Gepäck hinterhergewackelt. „Gehst mit?“ „Ja, wenn ich darf„. Klar darf sie. Sie begleitet uns auf die Sommeralm. Bis dahin erfahre ich, dass sie Lehrerin ist und kann mir ein paar Tipps für Mausezahn’s schulischen Umstieg holen. Die Höhenmeter vergehen wie im Flug

Auf der Sommeralm nagelt uns ein Gewitter fest. Der Wirt bietet uns Zimmer zur Übernachtung an, vom Wandern über die Alm rät er uns ab. Recht hat er. Ein Abbruch steht im Raum, der kann aber dank Taxifahrt abgewandt werden. Während wir Serpentinen hoch und runter jagen, versuche ich mit mit der Frage abzulenken, wie hoch das Risiko vom Blitz getroffen zu werden ist, verglichen mit einem Ausflüg über die Leitplanken hinaus. Schon schupft uns die Taxlerin auf der Schanz raus und brettert mit aufheulendem Motor wieder die Serpentinen hinauf. Glückskinder.

Beim Abendessen wird immer wieder thematisiert, ob wir noch doch hätten gehen können, sollen, müssen. Der Abkürzer wird als Betrug oder Schmach interpretiert. Wieder könnte ich mein schlechtes Gewissen gleichzeitig mit dem Zwiebelrostbraten hinterschlucken. Wenn ich denn eines hätte. Am Nebentisch wird ein Taxi für morgen organisiert, der Aufstieg von Mitterdorf auf die Veitsch wird gerne mit dem Taxi unterstützt, sagt auch der Pilgerführer. Wir pilgern aber nicht.

Gut ausgeruht liege ich in der unteren Etage eines Stockbettes. Von oben feixt mich ein gezeichneter Hase an. Irgendwas will er mir sagen, ich komm nicht drauf. Bald darauf schlafe ich den Schlaf der Seeligen.

Tag 3, von der Schanz auf die Rotsohlalm

Vorbei an fruchtlosen Heidelbeerfeldern führt der Weg durch einen Windpark. Georg’s Füße sind mittlerweile von großflächigen Blasen geplagt, er hat eine Heimfahrt mit dem Zug ab Mitterdorf im Sinn. Bis dahin muss er erst einmal kommen, Georg und die Pharmaindustrie geben ihr Bestes. Der Abstieg nach Mitterdorf ist etwas beschwerlich, weil über felsig rutschigen Untergrund. In der Zwischenzeit „ballert“ die Betäubung und legt die Blasen still. Wir liegen gut in der Zeit, kommen um elf in Mitterdorf an. Es wird die weitreichenden Entscheidungen getroffen, dass weder Zug noch Taxi für den weiteren Tagesverlauf gebraucht werden. Also raus aus dem Tal, es liegen sieben Stunden Steigung vor uns, bevor wir die Rotsolalm zur Nachtruhe erreichen wollen.  Natürlich kommt mir ein Wortwitz in den Sinn, aber der ist dann sogar mir zu flach. Und flach ist an dem Tag gar nix, nicht mal die Witze. Anscheinend doch.

Dieser Aufstieg war der beschwerlichste Teil der gesamten Wanderung. Der Gedanke an ein klimatisiertes Zugabteil, das sich in Richtung Wien schiebt kugelt in meinem Kopf herum. Georg hat den Zug sausen lassen und ist weiterhin mit von der Partie. Pause bei Kilometer dreißig. Ich blicke zurück ins gegenüberliegende Tal, am Horizont erkenne ich den Windpark wieder. Ob sie sich drehen, kann ich nicht erkennen. Vermutlich schon, der Wind treibt Gewitterwolken über die Berge. Vor mir ein imposantes Massiv, die Veitsch. Im Moment der Ruhe kondensiert die Erkenntnis der Tour: ich brauch das nicht. Ich kann fünfunddreißig Kilometer am Tag gehen, gerne auch vierzig, wenn nötig, aber ich will es nicht. Die Beine können aber nutzt ja nix, wenn der Kopf nicht will. Ich hab mein Limit kennengelernt und übergangen. Georg’s Ausrüstung und ich sind uns einig: abgesehen von den Höllenqualen, die sich in seinem Schuh abspielen, kündigt sich auch ein Drama an seinen Schuhen an: die Sohle löst sich. Eine Stunde später Ankunft auf der Alm. Wir sind die einzigen Gäste, auf der von zwei Freundinnen betriebenen Alm. Nach dem Schweinsbraten brauch ich noch Energie in rauen Mengen. Ich erkundige mich nach dem  Rahmsterz, den mir die Karte anbietet. „Des ist so a Eigenheit von do. Mit Rahm. Mir schmeckt’s ned„. „Gut, dann nehm ich das und den Schokokuchen„. Nach kurzer Hüttengaudi falle ich in einen ruhelosen Schlaf.

Tag 4, von der Rotsohlalm nach Mariazell

Auf nach Mariazell. Georg hat Sohle und Füße so gut wie möglich mit Leukoplast versorgt. Er sitzt am Bettrand, starrt ungläubig in die offenen Schuhe und murmelt: „Wie soll ich da nur reinkommen?„. Mit Marmeladebrot gestärkt geht es bergab zum ersten Zwischenziel in Niederalpl. Georg’s Füße brauchen eine Pause. Bei einer Rast erkenne ich das Ausmaß des Dramas: es ist kaum zu erkennen, wo die eine Blase aufhört und die andere beginnt. Trockene Stellen zum Kleben sind Mangelware. Mit Schnaps und einem Messer versucht er zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Neue Blasenpflaster, neues Leukoplast, neue Schmerzmittel, er muss irgendwie nach Niederalpl zur nächsten Straße. Auf die Zähne beißen und weiter geht’s. Ich bin tief beeindruckt. Spät aber doch ballern die Schmerzmittel doch dann ist Schluss, die Vernunft gewinnt Oberhand. Georg versucht sich motorisiert nach Mariazell durchzuschlagen, noch zwanzig Kilometer.

Regen und Sonne wechseln sich ab, das Tempo trotz ausgelaugter Beine gut, Heimweh schlägt Müdigkeit. Noch die letzten Serpentinen mit Elan genommen, schon erwarten uns Martin’s Eltern mit Schnaps und Georg mit Flip Flops im Zielort. Die Basilika empfängt mich kühl und gelassen, eine Messe wird gelesen. Dieser Moment der Stille ist eine einprägsame Erinnerung, ich werde zum Pilger und bin ganz bei mir. So außergewöhnlich der Moment ist, so wenig Platz hätte er auf einem Foto. 

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