Deadpool

Deadpool ist der mit Abstand coolste Comicheld. Seine Superkraft sind dumme Sprüche und Unsterblichkeit. Als mich die Grippe ans Bett fesselt,vertreibt er mir die Zeit. Nicht ganz jugendfrei, aber Mausezahn und ich teilen den selben Humor, darum durfte sie stellenweise mitschauen.

Sie hat den Anfang verpasst, ich setze sie ins Bild: Schicksal hat ihm arg mitgespielt, er aber coole Socke und außerdem unsterblich. Management summary quasi. Da sagt sie ganz beiläufig unsterblich möcht ich nicht sein. Ich denk mir bist deppert?! Das wär ja eigentlich ur cool. Frag sie sehr verwundert nach dem Grund. Für sie überwiegen die Nachteile ganz klar, weil wenn die Erde irgendwann einmal so zerstört ist, dass man nicht mehr vernünftig leben kann, dann kann ich mich nicht mal umbringen. Der Knopf im Hals schwillt an bis zur Sprachlosigkeit, meine feuchten Augen konnte ich grade noch verbergen.

Ab da hab ich verstanden, mit welchen Augen unsere Kinder ihre Zukunft sehen.

Wie man sein soll. (Muss Mausezahn noch nicht wissen)

Grad nach der Kassa baut sich das Merchandisingmonster vor uns auf: ein über und über bestücktes Regal mit Drachengesichtern. Das Kindchenschema glotzt treudämlich von Jausenboxen, Trinkflaschen, Heften, Bleistiften, Dosen, ja sogar von Hauspatschen auf Mausezahn herab. Die lässt den Bann auf sich wirken und inspiziert jede dieser Ausgeburtden der Werbehölle voller Hingabe und roten Backen. Dazu soll man wissen, dass dieser Ohnezahndrache der Held ihrer Kinderzimmerträume ist. Sei Monaten. Während sie sich im Drachenhimmel befindet checkt sie immer wieder mein Verhalten und ich ihres. Ich hab sie gleich durchschaut, sie mich auch und setzte zum Erstangriff an: „Papa, hast du gewusst, dass mir die Haupatschen in der Schule zu klein sind?“ Wusste ich nicht, waren sie doch erst zwei Monate alt. Wortreich wehre ich sämtliche Angriffe auf  mein Mitleidszentrum ab: Das Klumpert wäre nicht zu gebrauchen, billiger Chinaschas, wahrscheinlich mithilfe von Kinderarbeit gefertigt, maßlos überteuert, höchstwahrscheinlich voll von giftigen Chemikalien. Hilft nix, Mausezahn will mich nicht verstehen drückt Krokodilstränen raus. Hilft auch nix, ich bleibe hart (und stolz auf mich).

Ein paar Schritte weiter, Mausezahn mit hängendem Kopf, ich mit gutem Gewissen aber angepisstem Gemüt, hält mir ein junger Mann ein Lesezeichen entgegen. Ich lenke  uns zu diesem Bücherstand und gebe dem Lesezeichenträger eine Chance. Er ist Autor und preist seine Kinderbücher an. Mausezahn ist unbeeindruckt, mich hat er am Haken. Ein Buch wär meine Rettung. Also blättere ich ein vorgeschlagenes Werk durch, ein „Thriller“, so sagt er. Mausezahn ist sieben. Aber warum nicht etwas Spannendes. „Es geht um Hasen und um gegenseitiges Verständnis. Da lernen die Kinder gleich sehr viel. Manche Hasen sind grau, manche rot oder braun. Da lernt man gleich viel über Toleranz. Manche Hasen essen gerne Möhren andere gerne Karotten“. Mir wird schwindlig. Mausezahn gänzlich uninteressiert. Der Autor insitiert weiter „Also total viel lernt das Kind da gleich. Wie man sich richtig verhält.“ Ich klappe das Buch zu und lege es dankend wieder zurück an seinen Platz, drehe mich zu Mausezahn: „Sag, welche Schuhgröße hast du eigentlich?“

Mausezahn teilt

Ob Mausezahn ein Einzelkind ist? Derzeit ja. Als Sandwichkind kenne ich diese Situation nicht, teilen war mir in die Wiege gelegt. Ich halte Verzicht und das Gefühl des Nicht-Habens für wichtig. Ich halte es für notwendig, dass Mausezahn auch mit solchen Emotionen umgehen lernt. Der Gedanke an den  nächsten soll im Idealfall von ganz von allein aufpoppen; wer Teilen als etwas Freudvolles erlebt, hat mehr vom Leben.

Heute Früh fragt mich Mausezahn wie heißt dein bester Freund in der Arbeit? Leichte Übung, der Andi, warum fragst du? Sie drückt mir ein selbstgemaltes Bild in die Hand dann schenke ich dieses Bild dem Andi. Ich bin überrascht: da freut er sich bestimmt! Aber, du kennst ihn ja gar nicht?  Was Mausezahn zu einer Schlussfolgerung bringt, die mich stolz macht: Andi ist dein Freund. Das reicht doch.

 

Tuchfühlung

Wieder schließt sich ein Kreis. Als Mausezahn’s Begleiter erlebe ich den einen oder anderen Meilenstein meiner Kindheit wieder, heute den Schulanfang. Meine Erinnerungen sind verblasst, irgendwas mit Ausflug an einen See. Vielleicht verwechsle ich es mit der Erstkommunion.

Nachdem alle Kinder einen Platz am Schultisch gefunden haben, versucht ihre Lehrerin die Nervosität abzuschütteln. Smalltalk geht in Scherze und richtigen Humor über, die Stimmung lockert auf. Während einer Erklärung kniet eine Mutter vor der Lehrerin  hin, reckt ihr das iPhone vor die Nase und drückt ab. „Hot die an Klescher?“ frag ich mich halblaut. Hinter mir unterdrücktes Kichern, neben mir böse Blicke. Die Vergangenheit holt mich ein.

Im Sitzkreis bricht das Eis endgültig, rege Teilnahme. Spätestens als die Lehrerin eine Geschichte vorliest, fühle ich mich fehl am Platz. Die weiß schon, was sie tut, holt sich grad die ersten Vertrauenspunkte bei den Neulingen. Da haben wir Erwachsene nichts mehr verloren. Schaut gut aus.

Nach einer Stunde Kennenlernen folgt noch der Segen im Schulhof. Wir Eltern gehen ins Abseits um abzuwarten. Ich treffe einen Freund. Ob er eigentlich als Muslim ein Problem damit hat, dass seinem Kind gerade der Segen gespendet wird. Warum sollte ich?Weil es ein katholischer Segen ist –  Ach so, nein, das sind halt die Bräuche hier.

Nach eineinthalb Stunden ist die Aufregung auch schon wieder vorbei, das Prozedere für den weiteren Weg in den Schulalltag ist geklärt. Mausezahn wühlt sich in die Schultüte – endlich! Mit roten Wangen und einem guten Gefühl bei uns allen geht der erste Schultag zu Ende.

 

I really am a lucky man

Am Montag geht es los! Wir sind voller Vorfreude auf die Dinge, die uns den Alltag durcheinanderwirbeln werden. Auf Diskussionen, Spielregeln, Freude, Verdruss und Enttäuschungen. All das wird die Schulzeit mit sich bringen.

Ich hab mich davor gehütet Mausezahn gegenüber vom abgedroschenen „Ernst des Lebens“ zu reden. Sie wird ihre eigenen Erfahrungen sammeln. Abgesehen davon, hat der Ernst des Lebens für uns schon viel früher begonnen. Wir hatten als Familie recht bald eine Aufgabe zu lösen, gegen die die Schulzeit ein -du verzeihst- Lercherlschas war. Die Fragen von anderen Eltern „in welchen Kindergarten wird sie denn gehen“ und „in welche Volksschule gebt ihr sie?“ waren vollkommen nebensächlich. Wichtige Fragen der Erziehung für viele, ein Thema am Abstellgleis für uns.

Das ist Geschichte. Ausnahmezustand ist vorbei, Normalität hat sich breit gemacht, und das ist gut.  Was auch immer die Schulzeit an Unbill mit sich bringen mag: wir haben schon schlimmeres durchgestanden. Es hat uns als Familie stark gemacht und mich mehr gelehrt, als es die Schule vermochte.

Also: Montag ist Schule und wir freuen uns strahlend drauf!

You used to take me up
i watched and learned
how to fly

 

 

Mit Mausezahn beim Geocachen

Trends entdecke ich erst, wenn sie vom Mainstream als alter Hut abgetan sind. Geocaching zum Beispiel. Hab ich vor ein paar Jahren versucht, es blieb aber beim Versuch:  ich hab den Cache nicht gefunden. Zu Erklärung: Der Cache ist der Schatz der elektronischen Schnitzeljagd: Jemand versteckt eine kleine Schachtel oder Behältnis an einem interessanten/spannenden Ort. In diesem Behältnis befinden sich meist ein Logbuch und ein „Schatz“. Dann werden die Koordinaten und eine kleine Beschreibung im Internet bekanntgegeben. Wer Smartphone oder sonstiges GPS-Gerät hat (geht auch mit Papierkarte), kann losziehen und den Schatz suchen. Wenn er ihn gefunden hat, dann nimmt er ihn und hinterlässt seinerseits einen Schatz für den nächsten. Ich bin mit Mausezahn losgezogen.

„Zieh dir noch Socken an“, rate ich ihr, bevor sie in die Schuhe steigt, bald darauf sind wir ausflugsfertig. Mausezahn mit Smartphone und Aufregung ausgerüstet, ich mit einer Karte im Kopf. Auf Socken hat sie großzügig verzichtet. Nach zwanzig Minuten Spazieren und einer Begegnung mit einem Rehbock waren wir am Ziel. Dann noch ein paar Minuten am Zielort suchen und Mausezahn strahlt über den ersehnten Fund! Leider ohne Schatz, nur mit Logbuch. Die Freude war dennoch sehr groß. Sie hat ihren mitgebrachten Schatz dann wieder versteckt und wir machen  uns zufrieden auf den Weg zurück. Im Auto ereilt Mausezahn die eine oder andere Erkenntnis:

1. „Auch, wenn kein Schatz in der Schachtel war, der Ausblick auf den See war auch ein Geschenk“

2. „Ich hab eine Blase auf der Ferse“

3. Papa hat manchmal doch recht. Aber das geb ich nicht zu.

 

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Nichtschwimmer für Anfänger

Mausezahn paddelt im Nichtschwimmerbecken vor sich hin. Sie übt für etwas, das sich bei bestandener Prüfung „Seepferdchen“ nennen wird.  Das wussten wir an diesem Vormittag im griechischen Pool noch nicht. Ich hab mich damit zufrieden gegeben die Füße vom Beckenrand baumeln zu lassen.

„Die Beine! Damit gewinnen wir keinen Preis, Nina“. Nina muss jetzt schwimmen lernen, daran lässt ihr Vater keinen Zweifel. Mit den Armen trägt er sie durchs Wasser. Sie lacht verlegen. Ich glaube, sie würde lieber spielen.

Mausezahn begeht einen Kardinalsfehler und sucht bei der vorbeigeschobenen Nina Kontakt: „Ich kann schon schimmen“. Au wei! Das muss Nina büssen: „Jetzt mach doch mal!“, donnert es auf sie hernieder. Nina lacht jetzt nicht mehr und rudert ernst mit den Armen. Ich versuche die Situation aufzulockern und erwähne, dass es ab morgen eh einen Schwimmkurs im Hotel gäbe. Mausezahn mache dort auch mit. Der Kurs hat spielerischen Charakter, sie könne sich dort entspannt  gemeinsam mit anderen Kindern dem Thema annähern.

So, und das war mein Kardinalsfehler: „Neeeee, ne“, spielt er das Thema herunter, „ich bin im DLRG, da werd ich doch keinen Schwimmkurs bezahlen.“ „DLG?“, frag ich naiv. Der Papa von Nina braucht einen Moment um das zu verdauen: „Na Deutsche Lebensrettergruppe Lebens-Rettungs-Gemeinschaft*“, klärt er mich auf „und außerdem mag sie gar nicht schwimmen. Sie heult schon, wenn ihr Wasser in die Augen kommt. Aber wenn die anderen Kinder dann über sie lachen, dann wird sie schon wollen“. Er hat Nina immer noch am Arm. Ich nicke und verspüre den Drang Mausezahn aus dem Becken zu kriegen „Gemma rutschen?“. Mausezahn nickt und grinst, wir schwimmen zum Beckenrand. Hinter uns grollt es: „Ach Nina! Jetzt mach doch mal die Beine!!“

 

 

 

*danke Dentaku, Niko und Frazer2!

Warum ich immer Frischetücher im Rucksack hab

Ville Miettinen, Lizenz: CC-by-NC 2.0

Ville Miettinen, Lizenz: CC-by-NC 2.0

„Wer Tauben füttert, füttert Ratten“, warnt das Schild am Spielplatz. Die Früchte der Nicht-Befolgung sind  zu Hauf auf den Parkbänken zu finden: schwarzweiß glänzende  Taubenscheiße.

Ich hab mir ein sauberes Platzerl gesucht, einfach war es nicht. Nach dem Schaukeln sucht Mausezahn Erfrischung und Rast, setzt sich neben mich und -ich kann das Unglück erahnen- mitten in den Taubendreck. „Du hast dich in Vogelscheiße gesetzt“, empöre ich mich. Geistesgegenwärtig springt Mausezahn  auf und prüft den Hosenboden. „Jetzt greif wenigstens nicht auch noch rein!“ Sie senkt schuldbewusst Kopf und Stimme, ihre Fingern streichen über meinen Unterarm: „Entschuldigung, Papa“. Tja, und seither hab ich Freischetücher im Rucksack.

 

Bild: Ville Miettinen, Lizenz:CC-by-NC 2.0

Über Freunde, Fragen und die (Un)endlichkeit

Verraucht, verrucht und fast noch nüchtern. Nährboden um mit Freunden im Lokal die großen Fragen des Lebens zu erörtern. Wie man beispielsweise mit Sorgen und der eigenen Endlichkeit umginge. Michael* hält es mit Brian: You come from nothing, you are going back to nothing. What have you lost? Nothing! Weil danach ja eh nix ist. Nichts, das beurteilt, nichts das überhaupt da wäre um zu beurteilen. Also alles aus und vorbei.

So einfach geht das für mich aber nicht. Ich hätte gern, dass es so einfach wäre: Die Fragen und Ängste des Lebens im Kopf klären. Hab ich versucht, klappt nicht so richtig. Die Theorie stimmt schon: im Angesicht der Unendlichkeit ist die dagegen mikrig kurze Lebenszeit vollkommen zu vernachlässigen, zumindest als unschwer zu interpetieren. Wozu Sorgen machen? Unterm Strich ist doch alles nothing.

Warum sich das nicht leben lässt? Weil ich keinen Blick von oben auf mein Leben hab. Weil ich mitten drin steck und das jede Sekunde. Von jetzt an bis alles nothing ist. Eine Sekunde später wird’s mir dann auch wurscht sein. Eben erst dann.

So richtig weit bin ich in dieser Frage noch nicht gekommen.  Als Mausezahn zur Welt kam, hat sich auch das Thema der Endlichkeit eingeschlichen, ab und zu will es gehört werden. Weil wenn du dir überlegst, was du deinen Kindern beibringen und mitgeben möchtest, dann stellst du dir auch unweigerlich die Frage: wozu weitergeben? Ja eben, wegen der Endlichkeit. Bin ich eigentlich der einzige, der über sowas nachdenkt?

Was ich aber wirklich sagen wollte: Freunde, so wichtig. Ihr wisst das.

 

 

*Name von der Redaktion geändert.