Mariazell 2018

„Miad schaust aus“, begrüßt mich Fabian. Es ist ein zweifelhaftes Kompliment und richtig. Die Wallfahrt nach Mariazell hat ihre Spuren in meinem Gesicht hinterlassen. Wobei Wallfahrt nicht ganz stimmt, es war eine sportliche Herausforderung: 130 km mit 5000 Höhenmetern in 4 Tagen. Dagegen waren die ersten Gehversuche vor 3 Jahren ein lupenreiner Lercherlschas.

Christian und Martin haben mir heuer den Luxus gegönnt, mich nicht, aber auch gar nicht um die Organisation kümmern zu müssen. Und ich hab mir mit dem großen Löffel gegönnt. Keine Streckeneinteilung, keine Unterkunft kein gar nix musste ich aufstellen. Nur die Terminvereinbarung, die ging aber vergleichsweise geschmeidig. Noch so ein Vorteil, dass die Austria die Saison verkackt hat.

Jedenfalls hab ich in der Vorbereitung etwas von Graf Meran, Hoher Veitsch und Hüttenschlafsack gelesen. Auch, dass der Grazer Weg kein Zuckerschlecken sei. Pillepalle, wir sind ja im Training. Drei Tage vor Abfahrt schau ich mir die GPS-Tracks an, setz mich hin und frage mich ungläubig, ob wir denn a bisserl deppert wären.

Die Wahrheit liegt bekanntlich am Weg und die Beantwortung der Frage war ohnehin zu Fuß zu klären. Also setz ich mich einen Flixbus in Richtung Graz. Meine Sitznachbarin ergeht sich in ausladendem Telefoniergehabe. Stoisch stopfe ich Kopfhörer ins Ohr und bereite mit maximaler Lautstärke und CivilWar von GunsnRoses dem Gefasel von nebenan ein Ende: „What we’ve got here, is failure to communicate

Tag 1, von Graz nach Passail

Es ist ein Feiertag also wird etwas in der Basilika von Maria Trost gefeiert. Als Pilger müsste ich teilnehmen, als Sportler fotografiere ich das Treiben wie alles Außergewöhnliche am Wegesrand. Das Wetter meint es gut mit uns. Vorausgesetzt, man mag gleißende Sonne.

Es geht gleich hügelig los, eine Flachetappe ist mir nicht vergönnt. Bald tut sich der Hausberg der Grazer Sportler aus dem Dunst hervor, der Schöckl. Eine Gondelfahrt kostet 7,20 und ich wär dafür, dass wir hinauffahren. Ich mag jetzt nicht verraten, wer uns den Vorschlag eingebracht hat, aber ich habe mich dafür ausgesprochen. Gut ausgeruht genießen wir die Mittagssonne im Gastgarten eines Gipfelwirtes. Ein schlechtes Gewissen musste ich nicht runterschlucken, ich hatte keines. Beim nordseitigen Abstieg erkennen wir bereits das Tagesziel Passail in der Ferne. Der Pilgerweg dorthin führt über einen  zweistündigen Umweg auf Asphalt. Normale Wanderer gehen diesen laut Beschilderung nicht. Würde in Arzberg nicht ein Blasmusikkonzert zum Laben einladen, hätte der Umweg genau nichts an Vorteilen anzubieten, hat er aber. Kurz vorm Tagesziel verliert Martin die rechte Sohle, findet in Passail aber ein Jahr zuvor eine verschollene Verwandtschaft. Die hat dann zufällig noch ein passendes Paar Schuhe parat. Glückskind.

Tag 2, von Passail auf die Schanz

Im Frühstücksraum erzählt uns die Hausherrin von einer einsamen Wanderin, die auch im Haus übernachtet, aber heute abbrechen wird. Kurz darauf schickt die sich an, an unserem Tisch platz zu nehmen. Noch hat ihr Hintern die Sitzbank nicht berührt, springt sie von bösen Blicken getroffen wieder auf und nimmt  am Nachbartisch irritiert platz: „Guten Morgen“. Die Wirtin versucht zu intervenieren: „Kannst ruhig mitgehen mit den Herren, sooo schnell werden die schon nicht gehen. Probier’s doch noch einen Tag„. Eine peinliche Pause entsteht. „Nana, ich fahr heute wieder heim, ich hab mich überschätzt„. Peinliche Pause prolongiert. Fertigfrühstücken. Wir haben uns gerade als Paradeostösterreicher geoutet.

Glaubst, wär sie gern mitgegangen„, frage ich vor dem Aufbruch meinen Zimmerkollegen. „Na, dann hätt’s ja was gesagt„. Aufbruch, kurzer Halt beim Bankomat, schon kommt eine Wanderin mit übergroßem Gepäck hinterhergewackelt. „Gehst mit?“ „Ja, wenn ich darf„. Klar darf sie. Sie begleitet uns auf die Sommeralm. Bis dahin erfahre ich, dass sie Lehrerin ist und kann mir ein paar Tipps für Mausezahn’s schulischen Umstieg holen. Die Höhenmeter vergehen wie im Flug

Auf der Sommeralm nagelt uns ein Gewitter fest. Der Wirt bietet uns Zimmer zur Übernachtung an, vom Wandern über die Alm rät er uns ab. Recht hat er. Ein Abbruch steht im Raum, der kann aber dank Taxifahrt abgewandt werden. Während wir Serpentinen hoch und runter jagen, versuche ich mit mit der Frage abzulenken, wie hoch das Risiko vom Blitz getroffen zu werden ist, verglichen mit einem Ausflüg über die Leitplanken hinaus. Schon schupft uns die Taxlerin auf der Schanz raus und brettert mit aufheulendem Motor wieder die Serpentinen hinauf. Glückskinder.

Beim Abendessen wird immer wieder thematisiert, ob wir noch doch hätten gehen können, sollen, müssen. Der Abkürzer wird als Betrug oder Schmach interpretiert. Wieder könnte ich mein schlechtes Gewissen gleichzeitig mit dem Zwiebelrostbraten hinterschlucken. Wenn ich denn eines hätte. Am Nebentisch wird ein Taxi für morgen organisiert, der Aufstieg von Mitterdorf auf die Veitsch wird gerne mit dem Taxi unterstützt, sagt auch der Pilgerführer. Wir pilgern aber nicht.

Gut ausgeruht liege ich in der unteren Etage eines Stockbettes. Von oben feixt mich ein gezeichneter Hase an. Irgendwas will er mir sagen, ich komm nicht drauf. Bald darauf schlafe ich den Schlaf der Seeligen.

Tag 3, von der Schanz auf die Rotsohlalm

Vorbei an fruchtlosen Heidelbeerfeldern führt der Weg durch einen Windpark. Georg’s Füße sind mittlerweile von großflächigen Blasen geplagt, er hat eine Heimfahrt mit dem Zug ab Mitterdorf im Sinn. Bis dahin muss er erst einmal kommen, Georg und die Pharmaindustrie geben ihr Bestes. Der Abstieg nach Mitterdorf ist etwas beschwerlich, weil über felsig rutschigen Untergrund. In der Zwischenzeit „ballert“ die Betäubung und legt die Blasen still. Wir liegen gut in der Zeit, kommen um elf in Mitterdorf an. Es wird die weitreichenden Entscheidungen getroffen, dass weder Zug noch Taxi für den weiteren Tagesverlauf gebraucht werden. Also raus aus dem Tal, es liegen sieben Stunden Steigung vor uns, bevor wir die Rotsolalm zur Nachtruhe erreichen wollen.  Natürlich kommt mir ein Wortwitz in den Sinn, aber der ist dann sogar mir zu flach. Und flach ist an dem Tag gar nix, nicht mal die Witze. Anscheinend doch.

Dieser Aufstieg war der beschwerlichste Teil der gesamten Wanderung. Der Gedanke an ein klimatisiertes Zugabteil, das sich in Richtung Wien schiebt kugelt in meinem Kopf herum. Georg hat den Zug sausen lassen und ist weiterhin mit von der Partie. Pause bei Kilometer dreißig. Ich blicke zurück ins gegenüberliegende Tal, am Horizont erkenne ich den Windpark wieder. Ob sie sich drehen, kann ich nicht erkennen. Vermutlich schon, der Wind treibt Gewitterwolken über die Berge. Vor mir ein imposantes Massiv, die Veitsch. Im Moment der Ruhe kondensiert die Erkenntnis der Tour: ich brauch das nicht. Ich kann fünfunddreißig Kilometer am Tag gehen, gerne auch vierzig, wenn nötig, aber ich will es nicht. Die Beine können aber nutzt ja nix, wenn der Kopf nicht will. Ich hab mein Limit kennengelernt und übergangen. Georg’s Ausrüstung und ich sind uns einig: abgesehen von den Höllenqualen, die sich in seinem Schuh abspielen, kündigt sich auch ein Drama an seinen Schuhen an: die Sohle löst sich. Eine Stunde später Ankunft auf der Alm. Wir sind die einzigen Gäste, auf der von zwei Freundinnen betriebenen Alm. Nach dem Schweinsbraten brauch ich noch Energie in rauen Mengen. Ich erkundige mich nach dem  Rahmsterz, den mir die Karte anbietet. „Des ist so a Eigenheit von do. Mit Rahm. Mir schmeckt’s ned„. „Gut, dann nehm ich das und den Schokokuchen„. Nach kurzer Hüttengaudi falle ich in einen ruhelosen Schlaf.

Tag 4, von der Rotsohlalm nach Mariazell

Auf nach Mariazell. Georg hat Sohle und Füße so gut wie möglich mit Leukoplast versorgt. Er sitzt am Bettrand, starrt ungläubig in die offenen Schuhe und murmelt: „Wie soll ich da nur reinkommen?„. Mit Marmeladebrot gestärkt geht es bergab zum ersten Zwischenziel in Niederalpl. Georg’s Füße brauchen eine Pause. Bei einer Rast erkenne ich das Ausmaß des Dramas: es ist kaum zu erkennen, wo die eine Blase aufhört und die andere beginnt. Trockene Stellen zum Kleben sind Mangelware. Mit Schnaps und einem Messer versucht er zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Neue Blasenpflaster, neues Leukoplast, neue Schmerzmittel, er muss irgendwie nach Niederalpl zur nächsten Straße. Auf die Zähne beißen und weiter geht’s. Ich bin tief beeindruckt. Spät aber doch ballern die Schmerzmittel doch dann ist Schluss, die Vernunft gewinnt Oberhand. Georg versucht sich motorisiert nach Mariazell durchzuschlagen, noch zwanzig Kilometer.

Regen und Sonne wechseln sich ab, das Tempo trotz ausgelaugter Beine gut, Heimweh schlägt Müdigkeit. Noch die letzten Serpentinen mit Elan genommen, schon erwarten uns Martin’s Eltern mit Schnaps und Georg mit Flip Flops im Zielort. Die Basilika empfängt mich kühl und gelassen, eine Messe wird gelesen. Dieser Moment der Stille ist eine einprägsame Erinnerung, ich werde zum Pilger und bin ganz bei mir. So außergewöhnlich der Moment ist, so wenig Platz hätte er auf einem Foto. 

Via Sacra: von Annaberg nach Mariazell

Last stand

Letzter Tag, letztes Aufgebot. Die schwierigste Herausforderung am letzten Tag sollte nicht der Weg selbst sein, nicht das Verdrängen von physischem Schmerz. Es ist die psychische Belastung. Aber erst Frühstück, das letzte gemeinsame. Ich erfahre das Raubermärchen der letzten Nacht. Es hatte wohl mit hochprozentigem Alkohol, einer aufgebrachten Meute, die einen Mitgänger unter frenetischem Gejohle zur Höchstleistung anstachelte, etwas Voodoo und Blasen. Aber mir wird nur ein Teil der Wahrheit zugemutet. Sie haben mich gern.

Dann also raus mit uns. Da erkenn ich schon die angesprochene psychische Belastung am gegenüberliegenden Gehsteig. Sie strahlt uns an. Sie mit ihrem überheblichen Gegrinse, das ich noch von Tag 2 kenne, als sie mir einen plumpen Annäherungsversuch andichtet. Was sie halt nicht wissen kann: ich nähere mich weder plump noch erfolglos an. Da war wohl der Wunsch der Vater des Gedanken. Na gut, sie fragt, ob sie „eh“ mit uns mitgehen kann. Keiner wagt die Verneinung. Ob aus Angst oder aus Höflichkeit, darüber wird noch heute diskutiert.

Es geht etwas wellig dahin, aber so richtig frei hat den Kopf niemand für die Landschaft. Kopf nach unten und versuchen in der Gruppe zu sein, in der sich das überhebliche Gegrinse gerade nicht befindet. „Wann schleicht sich die endlich“ raunt es mir zu. „Am Berg gebma ihr an Schubser“ wird intrigiert. Vergeblich, wir schleppen sie mit. Ich erfahre allerhand tolle Sachen über sie. Wie toll sie halt ist.

Dann verlieren wir sie und kein Wort mehr darüber. Wir sind wieder wir, die gemeinsame Gruppe. Die letzten Kräfte werden mobilisiert. Wieder die Suche nach der Basilika hinter der nächsten Kurve oder der nächsten oder der übernächsten. Es zieht sich. Wir sind als Gruppe weggegangen und werden als Gruppe ankommen. Mit allen Psychoschmähs, die uns einerseits einfallen und auf die andererseits willig hereingefallen wird.

Einzug in Mariazell im Regen, endlich. Die Gruppe verliert sich, jeder sucht sich selbst und geht dem Moment nach. Gemeinsam allein sein.

Die Struktur verliert sich und findet sich in einer neuen bei der gemeinsamen Jause mit den liebsten, die uns abholen. Großes Hallo beim Kennenlernen, wieder sammeln und den Alltag ins Leben lassen. Schön und doch grausam.

So weiß ich, dass der Moment kommen wird, in dem mir die Stimmung, die uns tagelang getragen hat, wieder ins Gemüt strahlt und ich weiß: ich muss weg!

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The boys are back in town

Ein paar Orte der Mountainbikerunden finde ich zum Niederknien schön. Manchmal überlege ich abzusteigen und ein Foto zu schießen. Um es einerseits für mich zu konservieren andererseits um es zu teilen. Ich lass es dann, weil ich immer wieder zu dem Schluß komme, dass sich die Situation ohnehin nicht transportieren lässt. Dass sie genau dort hingehört, wo sie jetzt ist. Mit all ihren Emotionen, Eindrücken und Einflüssen.

So geht es mir auch mit der Wallfahrt 2016. Meine Eindrücke, die ich davon mitnehme, lassen sich nicht transportieren. Nicht der Flow, nicht die Gruppendynamik oder die gefundene Schwingung die uns getragen hat. Nichts davon kann ich in Worte fassen und an einen anderen, digitalen Ort verfrachten. Mir wurde viel Vertrauen entgegengebracht, das ich mit einer Veröffentlichung verletzen würde, dabei liegt mir nichts ferner. Was in Mariazell passiert, bleibt in Mariazell. Und das ist gut so.

Ich werde mich auf eine Streckenbeschreibung reduzieren, um Eindrücke zur Machbarkeit, Streckenführung und Unterkunft zu hinterlassen. Als Anhaltspunkt für  zukünftige Planungen.

Um es zu erleben, muss man sich auf den Weg machen. Mach es!

Mariazell, die Premiere 2015

Ein paar Tage wandern, mit mir allein sein und eine offene Rechnung begleichen. Den Wunsch danach hab ich seit längerem. Da Aufschieben auch mal ins Aug gehen kann, ist der Plan jetzt fällig: Adelheid, das Fadl schreit!

Meine Erfahrung in Tourenplanung tendiert gegen Null. Es sei denn, der Weg zur Arbeit zählt. Die bei viasacra.at machen das gewerblich und sehr gut. Kurz nach der Anfrage trudelt das Angebot ein. Ich verlass mich einfach mal drauf, dass die wissen, was an Tagesleistung machbar ist. Im Angebot finden sich konkrete Übernachtungsmöglichkeiten. Ein Tag nach der Buchung treffen die Unterlagen ein: wasserfeste Karten, Gutschein für die Unterkünfte und ein wenig Werbung. Sehr guter Service.

Jetzt seh ich mir die Karten und Pläne ein wenig näher an. Die ersten Fragen und Zweifel tauchen auf. Im Übrigen gehe ich nicht den ViaSacra sonden den Wiener Wallfahrerweg (Perchtoldsdorf, Furth/Triesting, Kieneck, Rohr i Geb., St. Aegyd, Mariazell).

Langsam erahne ich, was mir bevor steht

Die Routenbeschreibung (Tag 1, Tag 2, Tag 3 und Tag 4) von Blogger Felix sind bei der Vorbereitung sehr hilfreich, danke dafür! Schön langsam krieg ich ein Bild zusammen, was mich erwartet.           chapter

Die Vorbereitung 

Die Vorbereitung

Die Vorfreude wächst täglich. Sogar der erste vage Blick auf das Wetter deutet Gutes an. Wär doch fein, wenn mich die Sonne ab und zu begleiten würde.

Gesamt erwarten mich 120 Kilometer, zwei Gipfel auf 1100 Meter und ein paar Hügel. Reflexartig hab ich mich mit Zeugs eingedeckt, das mir die Sohlen heil(en) lässt. Die Frage des Schuhwerks ist noch nicht abschließend geklärt: entweder schwere Bergschuhe oder leichte Wanderschuhe. Beides eher nicht, weil schleppen muss ich das ja auch. Erste Listen für Verpflegung, Kleidung und Hygieneartikel sind geschrieben, der Plan nimmt Gestalt an.

Als Vorbereitung bin ich diese Woche viel zu Fuß gegangen um auch rauszufinden, welche Kilometerleistung ich mir abverlangen kann. Ergebnis: 09:30 (Minuten(!)) auf den Kilometer. Zumindest als Richtwert reicht das, weil das keine Leistung ist, die über 100 km zu halten ist. Dennoch: 1 Stunde für 5 km, damit lässt sich rechnen. 30 km pro Tag meint mindestens 6 Stunden Marsch. Hinzu kommen Pausen und Steigungen. Also 9 ca Stunden unterwegs. Der Tag wird damit um 6 Uhr beginnen, 7 Uhr Frühstück, 8 Uhr auf die Piste, 4 Stunden Vormittag, 4 Stunden nachmittags, das klingt hart aber möglich. Ich werde es herausfinden.

Tag 1, von Sittendorf nach Furth

08:15 Uhr und Sonnenschein in Sittendorf. Meine Frau schmeisst mich aus dem Auto, ich steh mit den neuen Stöcken ein wenig verloren herum. Die Beschilderung des Weitwanderwegs 06 hab ich bald gefunden: ich geh dann mal.

Erste Pause um 09:15 Uhr in Heiligenkreuz. Aus jetziger Sicht erscheint mir das auch lächerlich. Ich war jung und hatte das Geld für Milchkaffee. Dann ein Schupfer nach Mayerling.

Jetzt die erste nennenswerte Steigung von Maria Raisenmarkt (11:00 Uhr) auf den Peilstein. Nach dem ersten Anstieg die letzten Reste einer… naja Burg oder so (es lässt sich nicht mehr erkennen). Diese Überreste sind den Aufstieg eher nicht wert. Weiter geht’s aber eh zum Peilsteinhaus. Ankuft: 12:15. Dann Mittagessen. Die Knödeltrilogie teilt sich ihr Schicksal mit den Mauerresten: zweng dem hätt i ned her müssen.

Das aufpolierte Ego neben dem durchgeschwitzten Shirt zum Lüften in raushängen lassen, Bierli zwitschern und von einer Wiener Wandergruppe ignoriert werden, mehr darf sich ein Großstädter im Vorgebirge nicht erwarten.

Der Abstieg nach Neuhaus ist unspektakulär einfach über Wald und Wiese, der Ausblick herrlich. Ausgeschildert ist der Weg übrigens hervorragend. Nicht ein mal hab ich mich verlaufen. Wiener, du bist ned für den Wald gebaut, lass dir helfen, flüstern mir die Markierungen im 50m-Intervall zu.

In den Weissenbacher Adeg eingefallen und mit dem Notwendigesten versorgt: Flüssigkeit und Hirschtalg. Das Zeug muss auch dorthin, wo die Sonne niemals hinscheint. Echt jetzt.

Im Gasthaus zur Bruthenne gewundert, dass nix weh tut und bereut, dass ich in der Früh abgekürzt hab, die Etappe hätte gerne länger sein können. In der Gaststube bin ich allein. Heast, der Wanderer will essen!, schallt es von der Schank in den Garten. Ich bestelle ein Pfaffenbäuchlein und erkundige mich smalltalksuchend, ob sich denn schon mal jemand über den politisch vollkommen untragbaren Namen des Gerichts beschwert habe. Ernte blankes Unverständnis für die Frage. Ich glaub, die twittern hier nicht.

Ich freu mich auf morgen!

Tag 2, von Furth nach Rohr

Was der Österreichrundfahrt die Glockneretappe ist, das ist dem Wiener Wallfahrer das Kieneck. Ach was sag ich: der Vergleich mit dem L’Alpe d’Huez drängt sich auf. Nicht umsonst flößt mir Tag 2 meiner Weitwanderung nach Mariazell größten Respekt ein: Königsetappe halt. Dass ich mich mit dieser Einschätzung aber gründlich geirrt haben sollte, erfahre ich im Laufe des Tages.

Journal Tag 2
Journal Tag 2

Frisch fröhlich mach ich mich um 07:30 Uhr nach Furth/Triesting auf den Weg. Sonnig empfängt mich die flache Route zum Fuß des Kienecks. Kurz zuvor überhol ich die Wiener Wandergruppe, die zum letzten mal ihre Flaschen füllen. Ich frag mich noch, ob ich das auch tun sollte, als der steil nach oben zeigende Weg meine Gedanken zerstreut. Der Aufstieg braucht den Vergleich mit dem L’Alpe d’Huez nicht zu scheuen. Mehr noch: der französische Berg vergönnt seinen Herausforderern 21 Kehren, das Kieneck dem Wander genau 0, in Worten: Null.

Noch sind die Beine frisch, ich frohgemut und so stapfe ich mich unrhythmisch nach oben. Dort angedampft verflüchtigen sich die Anstrengungen in der Weite des Ausblicks. Ich bin oben! Jetzt essen. Specklinsen treibt hauptsächlich der Hunger rein. Am Nebentisch macht sich ein junger Mann bereit zum Weitermarsch. In einem kurzen Tratsch wird das selbe Ziel festgestellt. Um meinen Drive für den Rest des Tages aufrecht zu erhalten frage ich ihn nach dem nächsten Wegpunkt, dem Unterberg. Des is ned weit, a Stund floch dahin. Ha! Der Kaffee dort wird mir schmecken! Als wir uns dort wieder begegnen werden, wird er mir schon auf Sicht zurufen: Entschuldigung, ich hab mich geirrt! 

Journal Tag 2

Und wie er sich geirrt hat. Als sich auf dem Weg rüber(sic!) ein Hügel vor mir aufstellt, glaube ich noch an einen Irrtum. Als ich das Schild „Unterberg 1 3/4 h“ sehe erkenne ich den meinigen (Irrtum). Flüssigkeit geht schön langsam aus, die Kraft und Motivation auch. Der Weg bleibt unbarmherzig und ansteigend.

Von weitem erkenne ich einen Güterweg, der sich recht steil ausnimmt. Na, dort geht’s nicht rauf. bestimmt nicht. weil ab jetzt kann’s nur noch runter gehen. Hat der Wanderer doch gesagt! Ja klar, aber der Wanderer hatte sich geirrt. Und so stehen sich mein Ego, das Ende meiner Kräfte,  Wut ohne Projektionsfläche und der Mangel an Alternativen plötzlich mitten im Wald in den Niederösterreichischen Voralpen gegenüber. Ich will nicht weiter darauf eingehen, wie sich die Situation aufgelöst hat, aber es war ein Segen, dass ich alleine war. Was am Unterberg passiert, bleibt am Unterberg.

Schließlich erreiche ich die Hütte. Statt Kaffee und Kuchen verordne ich mir Isostar und Powerbar. Der Abstieg nach Rohr/Gebirge ist unspektakulär und einfach. Asphalt und geradeaus kann ich. Die Aussicht auf eine Dusche verleiht die nötige Ausdauer. Dass ein Teil des Marsches über den Sagenumwobenen Tümpflweg führt, lockt mein Humorzentrum.           

Tag 3, von Rohr aufs Gscheid

Auch der dritte Tag empfängt uns frisch und sonnig. Uns? Jakob und mich, der Weggefährte vom Vortag. Einer von uns beiden macht die Tour bereits zum siebten mal und hat noch frische Beine. Ich bin das nicht, erster Verschleiß ist nicht mehr zu leugnen. Deshalb bin ich äußerst gewissenhaft beim Schmieren: Diana für die Beine und Hirschtalg für diverse Reibungspunkte und natürlich die Füße.

Tag 3

Ziel der Etappe wird das Gscheid sein. Jakob hat seine Unterkunft noch in Bodennähe, nämlich in St. Aegyd. Er beneidet mich um den letzten Anstieg. Vekehrte Welt. Ich überlege, ob ich ihm einen Zimmertausch anbieten soll. Andererseits, wenn das Gscheid erklommen ist, geht es tatsächlich nur noch bergab bis zur Ankunft in Mariazell. Jakob meint, dass dieses letzte Stück bergauf nicht so heftig sei. Aber seit dem Unterberg weiß ich, wie optimistisch selektiv seine Wahrnehmung funktioniert. Jakob ist eine Frohnatur, seine Gesellschaft eine Bereicherung.

Über den Weg von Rohr im Gebirge gibt es nicht viel zu erzählen. Der Wirt hat uns auf den Weg ins Outback von Österreich geschickt. Nicht ohne eine Portion Zynismus schickt er hinterher, wir befänden uns hier in der Mitte von Nichts. Der Fremdenkverkehrsanzeiger am Hauptplatz tut sich ebenso schwer Superlative über die Gemeinde zu kreiren, so wundert es nicht, dass man von sehr viel Holz und ruhiger Gastlichkeit spricht. Dass der Tümpflweg nicht hervorgehoben wurde überrascht dann doch.

Ohne nennenswerte Steigung plaudern wir uns über (die) Kalte Kuchl nach St. Aegyd, dort Pause beim hiesigen Supermarkt. Wir gesellen uns zu einer Eingeborenen und stallieren bei Wurstemmel und Cola Passanten aus. Wir erfahren von der anstehenden Hochzeit, mein Einwurf, dass dies ein besonderer Tag für die Braut sei, tut die Eingeborene ab: ist jo ned ihr erste. Nachsatz: seine a ned.
Ein Polizeiwagen fährt vor. Ein uniformierter und eine Zivilistin verlassen das Auto in Richtung Eingang des Supermarktes. Was wohl die Rolle der Zivilistin sei, frage ich. Prompte Antwort: des is sei Oide, de gengan einkaufen.

Genug geplaudert, Jakob kann seine Unterkunft umbuchen, damit haben wir wieder ein gemeinsames Ziel, das Gscheid. Naja, was soll ich sagen, der dreißigminütige Aufstieg räumt meine letzten Reserven leer und bringt mich wieder an meine Grenzen. Jakob geht schon mal vor und schaut ob’s noch weit ist. Großes Understatement seinerseits, mein Kompliment

Tod aber glücklich falle ich ins Bett. Jetzt tut es richtig weh.

Ich freu mich auf morgen und meine Familie.           

Tag 4, vom Gscheid nach Mariazell

Auf zum letzten Gefecht. Einmal noch packen, einmal noch schmieren. Die Vorfreude ist groß! Wir werden Mariazell am frühen Nachmittag erreichen, Pause werden wir keine mehr brauchen, es geht fast nur bergab. Ursprünglich hatte ich die Einkehr bei der Wuchtelwirtin fix eingeplant, allerdings erreichen wir sie schon um 11. Für Gabelfrühstück reicht der Hunger nicht. Das farblose Grau des Himmels spiegelt sich im Hubertussee wider.

Der letzte Tag war geprägt vom Gedankenaustausch mit Jakob. Auch beim ersten Hatsch nach Mariazell, vor 20 Jahren, waren es die gefunden Freunde, die mir in Erinnung blieben. Und ein Stromschlag, aber das ist eine andere Geschichte.

Kurz vor dem Ziel schlägt Jakob eine Abkehr von der offiziellen Route vor, wir umwandern die Bürgeralpe und erreichen Mariazell über einen steilen Abstieg direkt in die Stadt. Der erste Blick auf die Basilika  und die schmerzenden Knie sind vergessen. Kurzfristig, den weiteren Abstieg nehmen sie mir übel.

Die Basilika durchwandere ich mit einem schwer zu beschreibenden Gefühl. Ich hab’s versucht, es gelingt mir nicht. Es war die Reise wert, kommt ihm am nächsten.

Die Sonne zeigt sich. Zwischen unausgelasteten Souvenierständen stoßen wir auf das gemeinsam erreichte Ziel an. Minuten später laufen mir Mausezahn und Göttergattin in die Arme. Besser geht’s nicht.           

Mariazell 2016, der Grundstein

Erfreulicherweise haben sich nach der Wanderung nach Mariazell einige gemeldet, die bei einer Neuaflage mitgehen wollten. So be it! Hiermit ist die Planung für 2016 eröffnet.

Was ich anbiete: die Organisation der Planung. Rahmenbedingungen werde ich keine vorgeben, ich beschränke mich auf Vorschläge. Einzig die Dauer möchte ich fixieren.

 

Dauer: 4 Tage

Zeitraum: Mitte/Ende April 2016. Ab Mai geht die große Völkerwanderung los, laut einer Hüttenwirtin nehmen Pilger und Organisatoren den Marienmonat sehr ernst, davor ist kaum etwas los. Macht die Quartiersuche einfacher.

Strecke: zur Verfügung stehen ein paar Möglicheiten. Da einige Mitwanderer aus dem Westen anreisen werden, finde ich die Variante von St. Pölten sexy. Aber auch das soll die Gruppe entscheiden.

Teamorganisation: möchte ich simpel halten. Twitter / Doodle / Emailverteiler / Slack / <yourvorschlaggoeshere>

Willensbekundung: jetzt. Nicht verbindlich. Das wird es erst mit der Buchung der Unterkünfte. Freue mich trotzdem über Anmeldungen via

Status: Vorfreude

 

Update: Teilnehmerliste wird nur auf ausdrücklichen Wunsch öffentlich

 

 

 

Ready, Steady

Es ist soweit. Der Rucksack ist gepackt. Morgen geht’s los!

 

Das muss in den Rucksack

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… und drin

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