Nöli

Nöli war nie zimperlich. Er war der Typ zum Pferdestehlen aber nicht zum Schmusen. So haben es die Mädels gesehen, damals im Gymnasium. Für mich ok, weil ich eh nicht schmusen wollte. Wir haben dafür Guns’n Roses besucht für Iron Maiden war nur er hart genug. Einmal hab ich ihn zu Hause besucht. Beim Mittagessen erzählt er von seinen grobschlachtigen Fantasien vom Krieg. Was er so machen würde, wenn er könnte. Wie so ein Bub halt fantasiert von der weiten Welt. Beim Schweinsbraten sekkiert ihn eine Fliege. In Superzeitlupe legt er Messer und Gabel zu Seite, fixiert das lästige Viech auf seinem Handrücken und schnappt blitzschnell zu. So schnell, wie ich es ihm nicht zugetraut hätte. Geschickt pickt er mit Zeigefinger und Daumen die Fliege aus ihrem fleischigen Gefängnis. Was er dann macht, hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben: Er zieht die lebendige Fliege entzwei, vorne und hinten verbunden durch schleimige Fäden die länger und länger werden wie Hochstromleitungen, die zwei Gemeinden verbinden. Ich bin regungslos, fassungslos. Pferdestehlen geht noch als Kavaliersdelikt durch verglichen zu dem, was da vor meinen Augen gerade passiert. Augenblicke später verliert er das Interesse, wirft die Fliegenreste achtlos auf den Boden, schnappt sich Besteck und widmet sich wieder dem Schweinefleisch. Ich winde mich zögerlich aus der Situation: “Sag, graußt’s dir ned?”. Er hält inne, blickt mich entgeistert an: “Wieso, i ess ja eh mitn Besteck?”

Diese Situation ist für mich Sinnbild geworden. Für das Negieren von Abscheulichkeit. Dann und wann poppt sie vor meinem geistigen Auge auf.

Auch dann, wenn sich die FPÖ in rassistischem Aktionismus versteigt. Gut, dass sie das in ihrer DNA verewigt haben ist mir bekannt, kann ich akzeptieren. Dass ihnen der Steigbügel von  einer sog. christlichen Partei gemacht wird, damit komm ich nicht klar. Das will mir noch nicht richtig in den Sinn. Und so kommt’s, dass ich mit Kanzler Kurz gern einen Kaffee trinken würde. Ehrlich. Ich möchte das wirklich. Melange mit Keks und Kuchen. Gelockertes Vier-Augen-Gespräch. Es würde auch alles gesprochene unter uns bleiben. Wenn die lockere Vertraulichkeit es zulassen würde, schaut ich ihm in die Augen und würde ihm die ernsthafte, unglaublich naive Frage stellen: “Sag, graußt’s dir ned?”

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