Mausezahn flieg!

Mausezahn liegt auf der Couch, meine Frau neben ihr, der Fernseher läuft. Aus dem Augenwinkel nehme ich Notiz von der gewohnten Alltagsszene. Irgendetwas irritiert mich an dem Bild während ich den Einkauf auf die Kredenz wuchte. Kontrollblick: ein Waschlappen liegt auf Mausezahn‘s Gesicht. Also doch.

Sie wollte ins Karussell am Kinderspielplatz einsteigen, ist ausgerutscht und mit dem Kopf gegen den Handlauf geknallt, erklärt meine Frau. Mausezahn schluchzt. Gebrochen scheint nichts zu sein, sie zittert. Anscheinend geschockt, sonst ok. Das gehört halt dazu zum Spielen, brabbelt der Spießer in mir. Sie friert.

Ich kann mich an die eine oder andere Blessur erinnern, die ich mir als Kind zugezogen habe: Schürfwunden, Prellungen, Schnittwunden. Brüche waren nicht dabei. Eltern von heute wirft man vor, ihre Kinder in Watte zu packen um sie vor Schaden zu schützen. Trifft das auch auf uns zu, frage ich mich?

Mit drei Jahren hatte Mausezahn ihren ersten Beinbruch, ein Jahr später eine Verstauchung, ein ausgeschlagener Zahn, danach wieder eine Verstauchung, dann ein gebrochener Finger, ein Geschenk aus dem Trampolin, sie hätten „Popcorn“ gespielt. Mittlerweile können wir am Schmerzschrei erkennen, ob Ambulanz oder nicht. Man gewöhnt sich dran.

Am Karussell messen sich auch ihre Freundinnen der Hofpartie. Beim Abendessen taut Mausezahn wieder auf. Lena setzt sich immer verkehrt rein. Einmal ist sie während der Fahrt rausgerutscht und nurmehr mit einem Fuß hängengeblieben, erzählt sie. Dass wir darüber lachen motiviert zu einem Lächeln und der Preisgabe weiterer Geheimnisse: Vivien hängt sich während voller Fahrt außen an die Haltegriffe.  Wie eine Fahne am Fahnenmast. Wenn sich das Karussell schnell genug dreht, lässt sie aus und fliegt. Wir lachen. Mausezahn lacht, der Bann scheint  gebrochen. Sie betastet abschließend Nase und Hals. Ich seh mir das genau an und beruhige sie: Das werden höchstens blaue Flecken. Morgen ist das weg. Erledigt.

 Gerade fällt mir ein, dass sie gestern mit ihrer Freundin Bärlauch gesammelt hat,  im Wald. Im Wald? Mausezahn, wir müssen morgen reden!

Rund um Wien: Etappen 2 bis 5

[aesop_timeline_stop num=“Etappe 2″ title=“Vom Cobenzl zum Häuserl am Roan“]

Die Buslinie 38A hat uns auf das Cobenzl gebracht. Es schifft unaufhörlich. Das wussten wir schon am Vortag, aber das Motto war bei Schönwetter kann ja jeder und mir san jo ned aus Zucker. Aus Teflon aber auch nicht. Christian zieht mit dem Selbstverständnis eines Weitwanderers den Wetterfleck über. Ich halte mich prinzipiell für zu cool für solch einen modischen Fehltritt in Plastik, mit Heldenstatus lässt sich das nicht vereinbaren. Aber Christian macht es mir vor: Schönheit muss leiden. Na gut, also leiden wir halt: Wetterfleck überstülpen. Meine Frau hat ihn mir vor Mariazell wohlwollend in den Rucksack gesteckt. Dass ich Rucksäcke prinzipiell nie leerräume macht sich jetzt bezahlt. Los geht’s auf die ersten paar Kilometer. Geplant sind zwei Etappen, danach Essen, dann Fußball in Hütteldorf.

Arbeiter in Pause

Arbeiter in Pause

Der Weg ist unspektakulär weil waschlnass.  Wir haben Unmengen an Tratsch auszutauschen, der Weg ist beiläufiges Nebenwerk. Wald, Aussicht, Blätter, Steine und -öha!- ein Retro-LKW, der sein Wochenende am Wanderweg  verbringt, ab Montag wird er wieder Bäume schleppen müssen.

Wir kreuzen Etappe 1 bei der Kreuzeiche und marschieren stramm Richtung Jägerwiese. Den Abstecher zum Agnesbrünl ersparen wir uns. Ich war im Sommer dort und wär ich nicht zu faul gewesen, ich könnte jetzt auf einen Blogpost verweisen. Kann ich eben nicht.  Also entlang der Wien-Niederösterreichischen Grenze deute ich nach rechts: „do unten warad es Agnesbrünl“. Ich muss endlich den Blogpost machen.

Vorbei an der Hubertuswarte, dem topologischen Höhepunkt der Etappe. Auch da wär ich schon gewesen habe aber nicht darüber gebloggt. Vermutlich hab ich das schon erwähnt. Mittlerweile hat der Wettergott ein Erbarmen mit uns und wir bleiben auch auf Lichtungen trocken. Der Wind ist stark böeig. Nach der Hubertuswarte Abstieg zum Griaß di a Gott-Wirt. Dort wieder Aufstieg zum Häuserl am Roan am Dreimarkstein. Auch das Häuserl am Stoa wäre in Reichweite gewesen. Wer in Wien tschechern will, muss hart um Ausreden ringen, wenn er es nicht tut.

 

[aesop_chapter title=“Etappe 3″ subtitle=“Vom Häuserl am Roan zur Marswiese“ bgtype=“img“ full=“on“ img=“https://www.kramure.at/blog/wp-content/uploads/2017/03/DSC00046.jpg“ bgcolor=“#888888″ revealfx=“inplace“]

 

 

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Pause aufgeschoben, wir gehen in Richtung Hameau. Dabei kann ich endlich mit meinem angelesenen Buchwissen das Gescheitloch raushängen lassen. Das Hameau, wie es sich jetzt präsentiert, ist ein einsames Überbleibsel aus einer belebten Zeit. War hier früher ein holländisches Bauerndorf angesiedelt, ist das Plateau heute unbewohnt, alle Gebäude sind entfernt. Abgsehen von einem einstöckigen Unterstand. Was tun holländische Bauern im Wienerwald? Der Herr Lacy (ein irischer Graf) hat sich eine größere Liegenschaft in Neuwaldegg recht günstig bei der Frau Maria Theresia erstanden und dann nach englischem Vorbild umgestaltet. Günstig deshalb, weil er mit einem Sohn von Frau Theresia gut befreundet (zwinkerzwinker) war. Sagt man. Also man sagt sogar, dass es Belege dafür gibt. Sei’s drum.  Das Hameau war eben Teil der Liegenschaft. Und weil er sich gern mit der Kutsche zum guten-alten-Bauernleben bringen lassen wollte um dort die gute-alte-Bauernzeit zu leben, hat er ein Bauerndorf anlegen lassen. Wild interpretiert behaupte ich, dass Graf Lacy nichts anderes als ein Bobo des 18. Jahrhunderts war. So.

Ares Ludovisi bei der Marswiese

Ares Ludovisi bei der Marswiese

Bis in die 1960er-Jahre befand sich ein Gasthaus am Hameau. Teschechern geht immer. Heute wirkt die Schutzhütte wie ein Setting aus dem Blair-Witch-Project. Abstieg zum Schwarzenbergpark, erstmals wieder Asphalt. Dann bald Marswiese. Die übrigens -Achtung Gscheitloch- heißt so, weil da ein Denkmal des Kriegsgotts Ares herumsteht. Es nennt sich „Ares Ludovisi“. Ares, Mars … na eben.

Da wären wir dann beim geplanten Ende des Tagespensums. Es ist aber noch viel zu früh, wir nicht durchnässt und auch nicht hungrig, also gehen wir weiter. Der Plan, Hütteldorf zu Fuß zu erreichen, nimmt Formen an.

[aesop_chapter title=“Etappe 4″ subtitle=“Von der Marswiese zum Steinhof“ bgtype=“img“ full=“on“ img=“https://www.kramure.at/blog/wp-content/uploads/2017/03/DSC00103.jpg“ bgcolor=“#888888″ revealfx=“off“]

 

[aesop_timeline_stop num=“Etappe 4″ title=“Etappe 4″]

 

 

Etappe vier steht unter dem Motto „Much Gatsch!“. Es ist wirklich nicht schön. Die Schönheit und Eleganz des Wegs rauf zum Schottenhof ist überschaubar. Auf dem Weg zur Jubiläumswarte queren wir die Kreuzeichenwiese, hier ist es besonders stürmisch. Das Ächzen der Bäume lässt mich an meiner geistigen Integrität zweifeln. Den Gallitzinberg -im Volksmund auch Wilheminenberg genannt- haben wir für ca 30 Minuten im Blick, bevor sich auf der Vogeltennwiese die Jubiläumswarte vor uns aufbaut. Nicht schön. Ein Eisentürmchen, das an einen rachitischen Phallus erinnert. Ursprünglich stand die im Prater und wurde mangels Verwendungswille von dort auf den Gallitzinberg verbracht. Der Aufzug hat es nicht mit geschafft, so muss man heute zu Fuß rauf.

Zuvor befand sich eine Holzvariante an dieser Stelle, die zu Ehren des 50-jährigen Regierungsjubiläums von Kaiser Franz Joseph errichtet und vom christlichsozialen Bürgermeister Lueger eingeweiht wurde. Diesen Tag wird er sich wohl lange gemerkt haben, weil zur Einweihung eine Arbeiterschaft angerückt war, die dem Bürgermeister nicht wohl gesinnt war. Daraufhin wurde die Feier unter Polizeischutz in ein Gasthaus verlegt. Obendrein stürzte die Holzwarte ein Jahr später ein.

Die neue Version aus Eisen steht auf historischem Untergrund: während des Zweiten Weltkriegs war der Gallitzinberg Zentrale der Flakabwehr Wiens, die in einem Bunker untergebracht war. Der Eingang ist mittlerweile zugesprengt, um nicht länger als Ort des Totentanzes für Geschichtstrottln zu fungieren.

Der Wienerwald ist ein Ort, der Geschichte atmet. Das war mir nicht bewusst. Skisprungschanzen, Bombentrichter, Bunker, Zahnradbahn und sogar eine Bobbahn verstecken sich quasi „in plain sight“. Man muss nur hinsehen. Die angesprochene Bobbahn haben wir auch benutzt. Zu Fuß und unwissentlich. Von ihr hab ich erst nach der Wanderung gelesen. Verrückt.

Bei der Feuerwache am Steinhof angekommen wird der Plan, Hütteldorf zu Fuß zu erreichen, Realiät. Wir gönnen uns noch eine Etappe.

[aesop_chapter title=“Etappe 5″ subtitle=“Vom Steinhof nach Hütteldorf“ bgtype=“img“ full=“on“ img=“https://www.kramure.at/blog/wp-content/uploads/2017/03/DSC00129.jpg“ bgcolor=“#888888″ revealfx=“off“]

[aesop_timeline_stop num=“Etappe 5″ title=“Etappe 5″]

 

Langsam macht sich Verschleiß bemerkbar, meine Beine werden müde, ich habe keinen Bock mehr auf Fotografieren. Die letzte Etappe sollte ein Opfer sein, das wir am Altar des Fußballgottes darbringen um drei Punkte für unsere grün-weißen Propheten zu erbitten. Wir haben uns bemüht, ehrlich. Es ging zwar nur bergab, aber wir haben uns nicht von umgestürzten Bäumen, übermenschlichen Sturmböen, einsetzendem Regen, nicht-und-nicht-auffindbaren Geocaches und sonstigem Unbill davon abhalten lassen, mit großem Pomp und Trara an der neuen Spielstätte in der Keißlergasse all unser Bitten und Flehen in den Staub hinzuwerfen, auf die Knie zu fallen, die Arme gen Himmel zu strecken und mit dem jämmerlichen Rest an Kraft in der Stimme zu greinen: „Schenk uns diese drei Punkte!“

Es wurde nur ein Unentschieden. Nicht auszudenken, wir wären nur die geplanten zwei Etappen gegangen.

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Kalkbrenner im Gasometer II

Nicht schnippen, schon gar nicht tanzen. Nicht am Bahnsteig an einem Montag um acht. Die Schnellbahn fährt ein, Sitzplatz. Sonnebrille und Schiebermütze ins Gesicht, weg sein. Gehörschutzmahnung am Player wegdrücken und Kopfkonzert. Immer bei Kalkbrenner. In Beats geformte Sehnsucht machen mich breit, Gänsehaut. I keep on crawling if I have to. Ein leichtes Kopfnicken verrät mich. Ways Over Water müsste mit auf die Insel.

Am Wochenende war das noch anders mit der Zurückhaltung. Nicht, dass ich ein großer Tänzer vor dem Herrn wäre, aber live und unter gleichgesinnten kann sogar ich Hemmungen wegschieben. Mein zweites Kalkbrennerkonzert, auch von der Platzierung her. Es war gut, aber nicht bahnbrechend. Es liegt am Album. Grand Depart ist nur Mittelmaß. Keiner der Albumdurchläufe zuvor ist mir in Erinnerung geblieben. Kein Beat, kein Soundschnipsel hat sich festgehakt. So war dann auch die Stimmung im Gasometer: verschwommen indifferent. Kein Zweifel, er kann Musik machen, also rein handwerklich. Der Scheitel akurat, jeder Dreh an den Reglern sitz, er hat Bock. Die Ansagen zwischen den Tracks hölzern und unbeholfen. Keine Sehnsucht.

Erst als er die Tracks von Ways Over Water auspackt reichen ein paar Samples um die Halle an die Kandare zu nehmen. Der Mob zuckt gepflegt aus, eine Stunde Vollgas. We take the heart of the city. Mehr als nur ein Schnippen.

Offener Bücherschrank in Purkerdorf

Purkersdorf hat einen offenen Bücherschrank. Direkt am Hauptplatz, neben dem Fürstenbergbrunnen. Das Projekt wurde von Leo Nemec jun. angestoßen und von der Gemeinde umgesetzt. 

Bücherschrank?

Ein offener Bücherschrank ist ein öffentlicher Ort, an dem Bücher asynchron und analog getauscht werden. Empfehlenswerte Werke reinlegen, schnuppern, stöbern und im Austausch andere wieder mitnehmen. Oder auch nur mitnehmen oder nur reinlegen.  Also alles recht locker. Hauptaugenmerk liegt auf dem (kostenlosen) Austausch. Die Kategorien scheinen sich gerade zu entwickeln: Kinderbücher, Romane, Fremdsprachig, whatever.

Lageplan Bücherschrank

Lageplan Bücherschrank

Regeln?

Die ausgehängten Benützungsregeln sind sehr weit gefasst. Unterm Strich: keinen (geistigen) Müll ablagern. Ich sehe einen Bücherschrank als einen Tummelplatz für all das, was Bücher zu leisten im Stande sind: Abenteuer, Wissen, Kopfkino, Neues, Ungedachtes, Buntes.  Raus aus der eigenen Bubble, bekannte Denkpfade und Lesemuster verlassen und zu einem ungewohnten Buch greifen. Kostet ja (abgesehen von Zeit und Mut) nichts.

Also: tauschen, was das Bücherregal hergibt!

 

 

Vorlage

Ungeschriebene Gesetze sind manchmal nicht mit dem Rechtssystem im Einklang. Dennoch gibt es sie. Unter erlebnisorientierten Fußballfans gibt es sie auch. Ich wurde vor kurzem wieder daran erinnert: Spieltag, ich wollte  vor dem Spiel Freunde in einem Lokal treffen, daher führte mich der Weg ungewohnter weise am Gästesektor vorbei. Dort angekommen -an meinem Schal war einwandfrei zu erkennen, dass ich kein Gast war- stellt sich mir ein Exekutivbeamter in den Weg. Ich erkläre ihm meinen Plan, er  mustert mich, deutet mit einer Kopfbewegung auf meine Devotionalien und meint „da sollten’s aber lieber rundherum gehen, nicht am Gästeblock vorbei“. „Darf ich nicht durch?“. „Freilich dürfen’s durch, aber… sollen tun’s nicht“, verleiht er seinem guten Rat Nachdruck. Ja, eh klar. Hätte ich meinen Weg fortgesetzt, hätte ich im Idealfall meinen Schal „abgegeben“. Schlimmeres wäre wahrscheinlicher. Und ich hätte mich nicht beschweren zu brauchen. Ungeschriebenes Gesetz eben. 

So ist das auch, wenn man als erklärter Rechtsnationaler auf eine erklärte linkslinke Demo geht. Bewaffnet. Also dürfen tut man schon, aber sollen wär ganz schön dämlich. Danach sudern ist so typisch wie überflüssig.

Rund um Wien – Etappe 1

Einmal um Wien herum gehen. Zum ersten mal hab ich als Kind davon gehört und geträumt. Dass das zwar möglich, ein Tag dafür aber schon sehr knapp bemessen sei. Die Quelle dieser wahnsinnigen Idee kann ich nicht mehr nennen. Jedenfalls lag sie falsch. Es dauert zirka 120 km. Wie lang auch immer man dafür braucht, aber ein Tag ist dafür eindeutig nicht ausreichend. Die Stadt Wien teilt die Strecke in 24 Etappen. Die erste hab ich mit Rana (Name der Redaktion bekannt) hinter mich gebracht.

Leopolds Berg

Startplatz Nussdorf quasi Donaufritzi. Die Donau entlang bis zum Kahlenbergerdorf, dort den Nasenweg rauf auf den Leopoldsberg. Das klingt jetzt so einfach: rauf. Schneetreiben, Minustemperaturen und ausgefuxte Eisplatten machen das ganze zu einem ausgewachsenen Aufstieg. So. Wer konnte im Winter auch mit sowas rechnen?

Wären wir ein Jahrhundert früher dran gewesen, wir wären möglicherweise mit der Zuckerlbahn raufgefahren. Es gab eine Standseilbahn und eine Zahnrahdbahn auf die Wiener Hausberge. Die eine hat kurz vor dem Halt gezuckt, die andere hat bei der Abfahrt heftig geruckt. Das klingt jetzt nach einem Gschichtl, aber es ist trotzdem wahr. Jedenfalls wurde die zuckende verkauft an die ruckelnde. Beide gibt es heute nicht mehr. Irgendwie hat die Zuckerlbahn jedoch überlebt: als sie im Tal abgebaut wurde hat man Teile von ihr für den Aufbau der Stefaniewarte wiederverwendet. Später Sieg.

Zurück zu unseren wackeren Bestrebungen eine senkrechte Eislaufbahn hinaufzurutschen. Die Anlage auf dem Leopoldsberg ist geschlossen, weil Baustelle. Vor etlichen Jahren war ich dort Gast einer Hochzeit, meine Erinnerung daran ist so verblasst wie der Blick aufs nebelige Wien. Die Ehe ist mittlerweile auch eine Baustelle.

Kahlenberg

Rüber zum Kahlenberg, der übrigens früher Sauberg hieß. Der Leopoldsberg dafür Kahlenberg. Umbenannt wurden beide, weil ein Leopold an einem Kriegsschauplatz mit einer baulichen Huldigung versorgt werden sollte. Wie gesagt: heute alles Baustelle.

Unsere emotionale Nagelprobe war ein Linienbus mit laufendem Motor, dem wir widerstehen mussten. Dem Schneetreiben trotzend ziehen wir die Kapuze noch tiefer ins Gesicht, stemmen uns vehementer gegen den Sturm und lassen den Bus rechts liegen. So muss es Odysseus ergangen sein. Was für ein tapferer Mann.

Abschluss

Vorbei am Klettergarten hin zur Kirche St. Joseph. Erster Halt zum Teetrinken. Der Sturm hat nachgelassen, den Weg zur Aussichtsplattform sparen wir uns, Wolken sehen von innen sehr unspektakulär eintönig aus. Wir wandern also frohen Mutes weiter zum Cobenzl. Frischer Schnee, klare Luft, der Aufstieg hatte sich gelohnt. Beim Gasthaus am Cobenzl lassen wir den Nachmittag bei Plausch und Trank ausklingen. Ein perfekter Einstieg in einen Kindertraum.

GPX

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Partei Soll Tat

Ich bin bereit. Ich bin dazu bereit, mich in den Dienst der Sache zu stellen. Der Ruf der Macht hat mich ereilt, meine moralischer Kompass dreht sich hart am Wind. Meine Ideologische Ausrichtung ist auf Linie. 

Ich bin ein Krieger des Lichts und erhelle dunkle Soziale Kanäle mit deiner Idee. Meine Waffe soll das Wort sein. Es sei kein Schwert mit feiner Klinge, ein Prügel soll wüten unter den Ungläubigen. Deren Kritik soll bersten unter der Kraft meiner blinden Verbohrtheit. Den Willen der Partei verteidige ich als wär er mein Augenlicht, sie wird mich ohnehin leiten.

Die Westen meiner Götter sind schneeweiß und mögen es bleiben. Deren Besudelungen lecke ich gekonnt mit behender Zunge, kein öffentlicher Makel soll dem edlen Gewande anhaften. Das Wort der keifenden Journaille wende ich ab vom Antlitz der selbstgerechten. Ich stelle mich in Shit des Storms. Meine geistige Integrität trage ich opferbereit zu Markte. Was von den Trögen abfalle, sei dafür mein Sold.

Partei, ich bin bereit.

PS: Was ich noch wissen muss: reichen Screenshots meiner Dienste in den Sozialen Kanälen oder gibt’s da eh interne Watchdogs? Nur zur Sicherheit.

FC St. Pauli – Alles drin

Der Besuch am Millerntor ist nicht spurlos an meinem Fußballherz vorübergegangen. Klassisch angefixt. Da steckt doch mehr dahinter. Also hab ich mir das Buch Alles drin von Christoph Nagel und Michael Pahl zur Brust genommen. Dass beide Kenner der Materie sind, glaube ich nach der Lektüre aufs sprichwörtliche Wort.

Das Buch ist ein Umriss des Vereines in Form einer handlichen Chronik. Von den Anfängen als Turnclub bis zum aktuellen (zeitweise erstklassigen) Profiverein. Nach vielen Bonmots, G’schichtln und Fakten, glaub ich nun, eine Idee davon zu haben, was die Magie des Magischen FC St. Pauli ausmacht.

Lesbarkeit, Struktur und launiger Unterton machen die 126 Kapitel zum schnellen Vergnügen. Empfehlung? Fix.

FC St. Pauli vs 1. FC Nürnberg oder: par pari referre

Am Millerntor. Oft gehört, noch nie erreicht. Vom Mythos St. Pauli erzählt man sich sogar noch im entfernten Niederösterreich. Von politisch linksorientieren, enthusiastischen Fans wird berichtet, die Vollbart und Bier mit dem Rennrad ans Millerntor fahren. Der Mörtel zwischen den Klinkersteinen ist Basisdemokratie, ein wahrer Mitgliederverein. Gesungen wird immer, man steht zu seinem Verein und zwar immer. Soweit meine Vorurteile.

Dass mein -kurz vor Abreise glücklich ergatterter- Sitzplatz in Leder gehalten ist, ist mir dann fast ein wenig peinlich. Andererseits musste ich so richtig dafür löhnen. Auch in Hamburg kostet Fußball Geld.

Der FC St. Pauli empfängt den 1. FC Nürnberg. Die Kiezkicker sitzen im tabellarischen Keller fest, stehen einen Tag vor der Beurlaubung ihres Sportlichen Leiters, Verletzungspech auch, Brandrede eines wütenden Trainers noch im Gewissen. Die Fans sehen das mit Gelassenheit oder als Herausforderung. Der Kapitän begrüßt den Capo per Handschlag.

Die Gastgeber spielen ein Vereinslied der Gäste über die Stadionlautsprecher. Das Lied endet, die Gäste brüllen „Scheiß St. Pauli“ und boxen in Rudel und Rhythmus den Himmel. St. Pauli klatscht. Ich verstehe Bahnhof. Der Gästeblock verstummt.

Anpfiff. Ein flottes Spiel, St. Pauli geht bald in Führung und busselt im Kollektiv seinen Trainer. Ich glaub, die mögen den. So richtig. Ein paar Minuten später der Ausgleich durch Burgstaller. Dann Verletzungspech bei St. Pauli und dann nix mehr bis zum Abpfiff.

Von den Tribünen ist beidseitig während des ganzen Spiels viel zu hören. Immer wieder „Scheiß St. Pauli“-Gejohle aus dem Gästeblock. Die Antwort stets: Klatschen. Das Gejohle verstummt in Irritaion. Langsam verstehe ich.

Das Spiel ist zu Ende, die Kurve feiert den Punkt wie einen Sieg. Erleichterung und Euphorie greifen Raum, sind spürbar. Wow. Gänsehaut. Ich mag die Stimmung. Ich mag, wie sich dich Kiezkicker bis zum Umfallen aufopfern, wie der Block Gleiches mit Gleichem zurückzahlt. Eine schöne Harmonie, die kein Aufgeben kennt. Gegenseitiges Stützen auch im Keller.

Schön war’s. Sehr schön. Ein bisschen etwas vom Mythos St. Pauli hab ich verstanden, lang noch nicht alles. Wenn ich wieder in der Nähe bin, bin ich dabei. Muss ja nicht Leder sein.

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