Tabu. Ein Kommunikationsspiel.

Tabu ist ein Klassiker unter den Gesellschaftsspielen. Genauer gesagt ist es ein Kommunikationsspiel. Schnell erklärt: der Mitspieler muss einen Begriff erklären. Die Schwierigkeit dabei bilden Tabubegriffe, die dabei nicht verwendet werden dürfen. Gelingt die Vermeidung nicht, so haut der Quietschbeauftragte auf eine Quietschente und besiegelt damit die Disqualifikation.

Das ist wie, wenn man die Aufhebung des Nichtraucherschutzes erklären soll und dabei die Begriffe Asyl, Wirtschaftsflüchtling, illegal, Mittelmeer und Kriminalität nicht verwenden darf. Zugegeben, das ist schon ein Beispiel aus der Meisterklasse.

Als aufgeweckter Medienkonsument und -beobachter spiele ich den Quietschentenbeauftragten.  Dabei gibt es eine Erleichterung für die Mitspieler: Fragen bzw Begriffe werden nicht eingeschränkt, alles ist erlaubt. Einzig die oben erwähnten Tabubegriffe sind gesetzt.

Anstatt eine Quietschente zu quälen hab ich ein abgewandeltes Ritual entwickelt: sobald ein Tabubegriff verwendet wird, schlucke ich ruckartig Luft in den Magen, die flugs als gerülpstes „Bullshit!“ wieder in die Welt geschickt wird. Weiters wechsle ich den Sender, blättere die Zeitung um oder starte das Smartphone neu. Je nachdem, in welchem Medium das Spiel gespielt wird.

Während der Regierungsverhandlungen hab ich einen rutualisierten Schnaps hinterhergekippt. Mein Hausarzt rät mir mittlerweile davon ab.

Schauspiel

Eine beschauliche Kleinstadt im Speckgürtel Wiens ist Schauplatz einer Posse. Dem niedlichen Städtchen wird die Beherbergung eines Asylheimes zugemutet. Die Aufregung ist groß, weil dem sabbernden Geiferern zufolge die religiöse Okkupation der Kleinbürgerlichkeit damit besiegelt sei.

Dann passiert wirklich etwas: ein Jugendlicher stürzt aus einem Fenster besagter Einrichtung acht Meter in die Tiefe. Tragisch genug, weil multiple Knochenbrüche, Blaulichtgroßeinsatz sowieso. Ein Einsatzmitglied findet das alles furchtbar, die Tragödie ist endlich eingetroffen. In seiner Doppelfunktion als Gemeinderat erklärt er noch am selben Abend pflichtbewusst seinen potentiellen Wählern detailreich, dass alles ganz furchtbar wäre:  Mord und Totschlag. Es war ja zu erwarten!

Auch der Bürgermeister erzürnt sich Tags darauf medienwirksam. Was denn noch alles passieren müsse, fragt er sich auf pflichtbewusst auf so manchem Titelblatt. Das Heim müsse weg, weil „Mord“ ginge ja wirklich zu weit.

Dann untersucht die Staatsanwaltschaft und veranstaltet einen Lokalaugenschein. Ergebnis: die Mordvariante lässt sich aufgrund widersprüchlicher Aussagen der Exekutive gegenüber nicht aufrecht erhalten. Einzig ein Tatzeuge macht eine Version glaubhaft: der gestürzte hatte die Hosen voll und wollte durch das Fenster flüchten. Die beschuldigten werden aus der U-Haft entlassen.

Einerseits tragisch genug, dass es zu solchen Situationen kommt. Die Hitzigkeit andererseits, mit der die öffentliche Diskussion angefeuert wird, schockiert mich ebenso. Menschen, die gewählt wurden, um Verantwortung zu übernehmen, gießen aufgrund substanzloser Vorwürfe Öl ins Feuer.

Besonnenheit statt Mutlosigkeit, wär mal was. Oder eine Entschuldigung.

Still welcome – Tag 16

Der tägliche Unterricht wird in zwei Gruppen organisiert. Meist teilen sich die Gruppen in Afghanen  und in  Syrer/Iraker, freiwillig und ohne das Zutun von uns Lehrern.

Heute treffen die Teilnehmer zehn Minuten nach Unterrichtsbeginn ein. Ungewöhnlich, weil ansonsten überpünktlich begonnen wird. Ich erkundige mich in meiner Gruppe nach dem Grund der Verspätung. „Big meeting at home with everybody“. Ich erfahre, dass es Reibereien „zwischen Afghanen und Arabern“ gab, große Kinder verdreschen kleinere, Mütter dann die großen Kinder. Hassan versichert mir, dass es sich dabei um punktuelle Probleme handle. Gleichzeitig fragen zwei Afghanen, ob in der Gruppe der Syrer noch Platz sei. Einhellige Antwort: „na sicher“. Das Problem fehlender Arbeitsblätter der Neuankömmlinge wird  schnell gelöst: es wird geteilt.

Im Zuge der Wiederholung frage ich einen der neuen nach seiner Familie. Er habe vier Kinder, die Namen der ersten drei konnte ich mir nicht merken. Beim vierten frage ich nach: „Tamara? Den Namen gibt es auch in Österreich“. „Ja“, grinst er, „ich weiß“. Warum er sich für einen deutschsprachigen Namen entschieden habe? Er strahlt: „Weil sie hier geboren wurde“.  Vielleicht ist Integration ja doch machbar.

Still welcome – Tag 15

Mittwochkurs. Nach Monaten des Unterrichts verliert die Situation an Aufregung, Regelbetrieb kehrt ein. Es passiert immer öfter, dass sich keine Lehrer für die Unterrichtseinheit finden und ich einspringe. Mir macht es noch immer Spaß, eigentlich sogar mehr noch als zu Beginn, mittlerweile reichen die Sprachkenntnisse, die einen Austausch möglich machen.

Über Familienmitglieder zu sprechen ist verfänglich. Dass das Thema schwer ist, fällt mir erst auf, als ich nach Geschwistern und deren Name frage. Die meisten haben einen Bruder oder eine Schwester die „ist tot“ heißt. Sie tragen auch den selben Nachnamen: „von Bombe“.  Jassin weint, als er mir von seinen Brüdern erzählt, ich gerate in Verlegenheit. Achmet versucht die Situation zu retten: „kein Problem“.  Doch, es ist ein Problem und es lässt sich nicht ausklammern.

Achmed selbst hat den Unterricht neulich versäumt. Heute entschuldigt er sich, er sei traurig gewesen. Sein Freund sei wieder zurück in den Irak. Ich komme nicht umhin diese Erzählung -wie die meisten anderen- in einem misstrauischen Kontext zu sehen. Warum kann er sich einen Flug leisten? Was hat ihm denn nicht gepasst? Warum ist er überhaupt weg, wenn zu Hause bleiben anscheinend auch eine Option ist. Warum andererseits ist Achmed hier geblieben? Es fuckt mich an, dass mich diese Dissonanz begleitet, dass ich den ganze Müll, den ich mir in den Sozialen Medien angelesen habe,nur schwer wieder los werde.

Das Bauchgefühl und der persönliche Umgang mit den Menschen zeichnet ein gänzlich anderes Bild, als ich in Medien vermittelt bekomme: da sucht jemand nach Möglichkeiten, nach Gelegenheiten hier Fuß zu fassen. Jeder Satz wird aufgeschrieben und aufgesaugt, auch wenn dabei Gehirnwindungen knacken.  Nach 90 Minuten sind sie fertig. Immer dankbar und höflich. Hartes Brot für Mathematiklehrer, Musikproduzenten und Fluglotsen, eine Sprache zu lernen, die der eigenen so gar nicht nahe ist. Ich versuche nebenbei ein paar Fetzen Arabisch zu lernen, da knarzt es dann bei mir gehörig.

Einfach ist das alles nicht.

Doskozil, Herkules und das bittere Ende

Herkules war ein griechischer Held, dem göttliche Ehren zukamen. Er war ein Mann für’s Grobe, der Stiere einfing, Löwen erlegte und ganze Flüsse umleiten konnte. Nicht umsonst zählt die Keule zu seinen symbolischen Werkzeugen. Ja, er konnte auch die Laute spielen, allerdings hat er damit seinen Lehrer erschlagen. Ein Zornpinkerl.

Das Österreichische Bundesheer benennt seine Transportmaschinen nach diesem tragischen Held. Nun scheinen sie mit neuen Aufgaben betraut zu werden: Minister Doskozil möche sie zur Verfügung stellen um Abschiebungen zu erleichtern. Hm. Ja, dann haben die Flieger halt braune und grüne Flecken statt einem Firmenlogo auf der Außenhaut, so what?

Innen sitzt halt jetzt ein Pilot, der „weisungsgebunden“ ist, weil Soldat. Ein ziviler Pilot trifft selbständige Entscheidungen, er ist Herr über seinen Flieger. Ob er abhebt oder nicht, obliegt einzig seiner Entscheidung. Auch die Passagiere einer zivilen Maschine könnten Widerstand leisten (tun das auch) und eine Abschiebung verhindern. Alle Insassen in einer Hercules tragen Rangabzeichen. Folglich gibt es jemanden, der ein höheres Rangabzeichen trägt und damit die Befehlsgewalt. Nur sitzt der halt nicht im Flieger sondern im Büro. Weit, weit weg. Die Ausführung des Abschiebebefehls bleibt im Flieger. Anbrunzen oder nicht.

Apropos: Die militärische Abschiebung forderte vor Monaten schon die FPÖ, sehr eindringlich. Ich hatte den Eindruck, man hätte gerne, dass sich abzuschiebende möglichst unwohl fühlen sollten. Der Aufschrei in Medien und Sozialen Netzwerken war groß. Verständlich. Einerseitz Beißreflex andererseits es ist ja wirklich graußlich. Wenn der Vorschlag nun von Sozialistischer Seite (bruhahahaha) kommt, scheint die Medienlandaschaft ausgeglichen. Padautz! Vielleicht liegt es daran, dass die öffentliche Meinung Schlagseite bekommen hat. Medien berichten laufend davon, dass Frauen, die nicht bei drei auf den Bäumen sind, vergewaltigt werden, dass unsere Sozialleistungen ausgetrocknet sind (plötzlich!), der Arbeitsmarkt übersättigt (jetzt!) und die Werte verlottern könnten (Stronach, schau uma!). Jetzt ist es nur würdig und recht, dass die Bagage sich endlich auf die Gastarbeiteroute haut und sich darstesst!

Man wird doch wohl noch kriegerische Mittel anwenden dürfen um sich zu erwehren. So wird ein Flieger zum verlängerten Arm des Volkszorns. Nun gut, verhindern kann ich es nicht. Darauf hinweisen, dass man eine Gesellschaft daran messen soll, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht, das darf man schon. Tu ich hiermit. Ihr Schweine.

Übrigens: der griechische Held Herkules ging zugrunde, weil er sich mit einem verheißungsvollen Hemd schmückte, um die Gunst seiner Geliebten wieder zu erlangen. Das aber war vergiftet mit dem Blut seines Erzfeindes. Als Herkules den Irrtum erkannte, war es zu spät, beim Versuch sich das Hemd wieder vom Leibe zu zerren, riss er sich auch das Fleisch von den Knochen. Um sich seinen Todeskampf zu erleichtern ließ er sich verbrennen. Tja, liebe Sozialdemokratie, was soll ich sagen?